Von Kängurus abgeschaut – Hautkontakt für Leichtgewichte

Bei Kängurus hat es die Evolution so eingerichtet: Die Jungen kommen unterentwickelt zur Welt, doch Mutters Beutel und vier Zitzen darin sichern ihr Überleben. Ob diese „Känguru-Methode“ bei Menschen auch  funktioniert, hat ein Cochrane-Review untersucht.

Bis zu 20 Prozent aller Neugeborenen kommen – vor allem in einkommensschwachen Ländern – mit geringem Geburtsgewicht unter 2.500 Gramm zur Welt. Dieser Start des Babys ins Leben ist jedoch mit einem hohen Sterblichkeits- und Krankheitsrisiko verbunden. In den reicheren Ländern werden Babys mit geringem Geburtsgewicht in der Neugeborenenmedizin (Neonatologie) versorgt.  Beispielsweise kommen sie dort sofort nach der Geburt in einen Inkubator, der es ermöglicht, die Körpertemperatur konstant zu halten und ein lebensbedrohliches Auskühlen zu verhindern. Diese konventionelle neonatologische Behandlung ist jedoch teuer und bedarf speziell ausgebildeten Personals und einer entsprechenden Ausstattung. In einkommensschwachen Ländern sind die finanziellen und die personellen Ressourcen jedoch knapp.

Vorbild Natur

Um unter diesen schwierigen Umständen die Risiken für kindliche Infektionen und Sterblichkeit des Neugeborenen zu senken, hat Edgar Rey, Professor für Neonatologie an der Universitätsklinik Bogotá in Kolumbien 1978 die „Känguru-Methode“ als Alternative zur konventionellen neonatologischen Pflege vorgeschlagen. Bei dieser Methode agieren auch Menschenmütter gewissermaßen als „Inkubator“, indem sie das Baby nach der Geburt Haut-an-Haut an sich tragen. So lässt sich einerseits die Körpertemperatur des Kindes stabilisieren, andererseits wird das Baby angeregt, die erste Nahrungsquelle, die Mutterbrust zu entdecken. Die Känguru-Methode wurde anfangs nur bei Babys mit stabilen Körperfunktionen angewendet, d.h. die Babys konnten bereits selbständig atmen, ihre Temperatur regulieren und Nahrung aufnehmen Basierend auf Edgar Reys Erfahrungen und Weiterentwicklungen wird die Känguru-Methode gegenwärtig als eine Option angesehen, die die Kindersterblichkeit und das Erkrankungsrisiko senken und eine bessere Mutter-Kind-Beziehung herstellen kann. Eventuell hilft sie auch,  Klinikaufenthalte zu verkürzen und die Kosten  im Vergleich zur konventionellen Methode zu senken.

Was sagt die Wissenschaft?

Ein UCochrane-Review der Cochrane Neonatal Group hat untersucht, ob die Känguru-Methode als Alternative zur konventionellen neonatologischen Pflege bei Kindern mit geringem Geburtsgewicht tatsächlich das Risiko von Kindersterblichkeit und Erkrankungen verringern kann. Dazu wurden 21 randomisierte, kontrollierte Studien mit insgesamt mehr als 3.000 Kindern einbezogen. 19 Studien untersuchten die Känguru-Methode bei stabilen Babys, eine Studie hat diese vor Stabilisierung der Kinder evaluiert. Eine Studie verglich die früh angewendete (innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt) mit der spät angewendeten (24 Stunden nach der Geburt) Känguru-Methode bei relativ stabilen Babys. 16 Studien haben die unregelmäßige Anwendung der Känguru-Methode untersucht, fünf Arbeiten analysierten die kontinuierliche Anwendung der Känguru-Methode.

Känguru-Babys mit guten Chancen

Im Vergleich zu konventioneller neonatologischer Pflege hat sich gezeigt, dass die Känguru-Methode das Sterblichkeitsrisiko bei Babys zum Zeitpunkt der Entlassung bzw.  im Alter von 40 – 41 Schwangerschaftswochen statistisch signifikant gesenkt werden konnte. Im Zeitraum der Nachbeobachtung hat sich außerdem gezeigt, dass das Risiko für Infektionen, für einen Abfall der Körpertemperatur oder Erkrankungen der unteren Atemwege erheblich gesenkt werden konnte. Darüber hinaus konnten Körpergewicht und Größenwachstum gesteigert werden, das Stillen konnte erleichtert werden, insgesamt war auch eine bessere Mutter-Kind-Bindung ersichtlich. Diese Ergebnisse beruhen auf Evidenz von moderater Qualität.

Känguru-Mutter als Vorbild

Die Autoren resümieren daher, dass eine ausreichende Evidenz vorliegt, um die Känguru-Methode als eine effektive und sichere Alternative zur konventionellen neonatologischen Pflege für gesundheitlich stabilisierte Babys mit geringem Geburtsgewicht zu empfehlen. Obgleich sich die gegenwärtige Evidenz auf Länder mit mittleren und geringen Einkommen bezieht, gibt der Review Hinweise darauf, dass die Känguru-Methode im Hinblick auf das Stillen auch Vorteile für Babys in industrialisierten Ländern bieten könnte. Umfassende weitere Forschungsarbeiten sind jedoch erforderlich, um deutliche Zusammenhänge aufzuzeigen, wie etwa zwischen der Känguru-Methode und dem Stillen, Auswirkungen der Methode auf die Mutter-Kind-Beziehung, sowie Langzeitstudien, die die Zusammenhänge zwischen Känguru-Methode und Erkrankungen des Nervensystems in späteren Jahren untersuchen.

 

Hier geht’s zum Cochrane-Review:

http://www.cochrane.org/CD002771/NEONATAL_kangaroo-mother-care-reduce-morbidity-and-mortality-low-birthweight-infants

 

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2 Antworten
  1. Jörg says:

    Sehr interessant, allerdings allzu sehr würde ich mir die Kängurus nicht zum Vorbild nehmen – wenn sie vor Feinden flüchten, fallen die Jungtiere häufig aus dem Beutel und werden gefressen, was wiederum für die flüchtende Mutter von Vorteil ist. Bio ist böse.

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    • doris says:

      Ja, Bio ist böse. Aber Kängurus haben keine natürlichen Feinde – außer den Menschen. Und Menschen müssen – evolutionär gesehen – nicht so rasant schnell flüchten vor Feinden. Biologisch gesehen. Gesellschaftlich ist ein anderes Thema. Das passt aber hier nicht :-/ GLG Doris

      Antworten

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