Der Herbst-Winter-Depression zuvorkommen

Herbst-Winter-Depression kehrt bei den meisten Betroffenen jährlich wieder, sobald die Tage kürzer werden. Dieses regelmäßige Auftreten bietet die Möglichkeit, vorbeugend einzugreifen. Doch ob solche Maßnahmen wirklich helfen, bleibt nach wie vor unklar.

So schön der Herbst für viele Menschen ist – für manche markiert er den Beginn einer gefürchteten Zeit. Rund 2,5% der Bevölkerung in unseren Breiten leiden an Herbst-Winter-Depression (1,2). Das ist eine Form der Depression, die im Herbst beginnt und erst im Frühling wieder aufhört. Man spricht dann von einer Herbst-Winter-Depression, wenn depressive Episoden in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Jahren im Herbst bzw. Winter auftreten und nicht durch andere Faktoren erklärt werden können (z.B.: Arbeitsplatzverlust bei Saisonarbeitern und –arbeiterinnen) (3).

Mit Herbst-Winter-Depression ist übrigens nicht die leichte Wintermüdigkeit gemeint, die wir wahrscheinlich alle kennen. Eine Herbst-Winter-Depression stellt für Betroffene eine wirkliche Belastung dar. In den depressiven Phasen erfüllt sie eine tiefe Traurigkeit, ihnen fehlen Energie und Antrieb. Sie ziehen sich sozial zurück und auch im Beruf haben sie Schwierigkeiten sich zu konzentrieren und ihre Leistung zu bringen (2,4).

Woher kommt die Herbst-Winter-Depression?

Die genauen Ursachen der Herbst-Winter-Depression sind noch nicht restlos geklärt. Es wird vermutet, dass der Mangel an Sonnenlicht, der mit der dunklen Jahreszeit einhergeht, die innere Uhr einiger Menschen durcheinanderbringt und zu einem Ungleichgewicht im Hormon- und Neurotransmittersystem führt (5). Auch genetische und psychologische Faktoren könnten bei der Entstehung der Erkrankung eine Rolle spielen.

Licht ins Dunkel bringen

Wenn die Depression einmal da ist, also in der akuten Phase, empfiehlt die Nationale Versorgungs-Leitlinie zu Behandlung unipolarer Depression in Deutschland Lichttherapie als Therapie erster Wahl (6). Bei der Lichttherapie sitzt man vor einer Lampe, die weißes fluoreszierendes Licht mit einer Beleuchtungsstärke von 10.000 Lux ausstrahlt. Dieses Licht ist der Sonneneinstrahlung an einem sonnigen Tag im Freien sehr ähnlich; die ultraviolette Strahlung wird allerdings herausgefiltert. Empfohlen wird in den Wintermonaten kontinuierlich morgens für ca. 30-45 Minuten mit geöffneten Augen vor so einer Lampe zu sitzen (6). Auch Selektive-Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) werden als Therapie erster Wahl bei akuter Herbst-Winter-Depression empfohlen. Sollten diese Behandlungen nicht wirken, soll eine Psychotherapie versucht werden (6).

Der Depression zuvorkommen

Durch das wiederkehrende Muster der Herbst-Winter-Depression stellt sich für viele aber die Frage: Was kann man machen, damit die Depression gar nicht wiederkommt? Kann man vielleicht schon in Zeiten, in denen es einem noch gut geht, eine Behandlung starten und so eine depressive Episode verhindern?

Empfehlungen dazu findet man in der Nationalen Versorgungs-Leitlinie nicht. Dennoch scheint dieses Vorgehen in der Praxis verbreitet zu sein. In Deutschland, Österreich und der Schweiz, gaben 81 von 100 psychiatrischen Einrichtungen an, dass sie ihren Patienten und Patientinnen präventive Maßnahmen empfehlen; am häufigsten: Lebensstilinterventionen (z.B. Spaziergänge im Freien), Antidepressiva, Psychotherapie und Lichttherapie (7).

Auch Betroffene wünschen sich mehr Informationen darüber, ob und was sie vorbeugend machen könnten. Für viele trübt die Krankheit nämlich nicht nur den Herbst und Winter sondern auch den eigentlich symptomfreien Sommer. Denn die Angst vor dem nächsten Winter und den negativen Gefühlen die damit vielleicht wiederkommen, kann die sommerliche Zeit trüben (8).

Evidenz zur Vorbeugung von Herbst-Winter-Depression limitiert

Gemeinsam mit Forschern und Forscherinnen aus den USA und der Medizinischen Universität Wien haben wir bei Cochrane Österreich vier Cochrane Reviews zur Prävention von Herbst-Winterdepression aktualisiert. Wir haben Studien gesucht, in denen Personen, die in der Vergangenheit bereits an Herbst-Winter-Depression litten, eine Therapie noch vor Beginn der ersten depressiven Symptome starteten. So viel schon mal vorweg: die Studienlage zu diesem Thema ist nach wie vor sehr limitiert.

Der Review zu Lichttherapie als Vorbeugung von Herbst-Winterdepression beinhaltet weiterhin nur eine kleine Studie (46 Personen) mit methodischen Limitationen und lässt daher keine Schlüsse zu, ob der vorbeugende Einsatz von Lichttherapie die Entstehung einer depressiven Episode bei Personen, die in der Vergangenheit unter Herbst-Winterdepression litten, verhindern kann.

Drei randomisiert kontrollierte Studien mit Daten zu 1100 Personen geben Hinweise, dass die vorbeugende Einnahme des Antidepressivums Bupropion extended release das Auftreten von depressiven Episoden im nächsten Winter reduzieren kann. Allerdings berichteten Personen, die das Antidepressivum einnahmen auch etwas häufiger von Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Schlafstörungen, als jene in der Placebo-Gruppe. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wurde als moderat eingeschätzt.

Zu Psychotherapie konnten wir eine kleine Studie mit 46 Personen ausfindig machen, die präventive kognitive Verhaltenstherapie im Vergleich zu keiner präventiven Behandlung untersuchte. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Studie entwickelten jedoch in beiden Gruppen ähnlich häufig eine depressive Episode. Auch die Schwere der entwickelten Depression war mit und ohne Therapie ähnlich. Die kleine Studiengröße und methodische Limitationen lassen auch hier keine validen Schlussfolgerungen über Wirksamkeit bzw. Unwirksamkeit dieser Intervention zu. Zu präventiven Einsatz anderen Formen der Psychotherapie konnten wir keine Studien identifizieren.

Der vierte Review suchte nach Studien, die den präventiven Einsatz von Melatonin bzw. Agomelatin (chemische Verbindung, die mit Melatonin strukturell verwandt ist) untersuchten. Wir identifizierten eine Studie mit 199 Personen. Diese zeigte keinen klaren Vor- oder Nachteil von Agomelatin und lässt daher keine Schlüsse über die Wirksamkeit und Sicherheit von Agomelatin zur Vorbeugung von Herbst-Winterdepression zu. Zu Melatonin wurde keine Studie gefunden.

Mehr Studien, bitte!

In der Praxis werden Behandlungen, die eigentlich für die Akutphase vorgesehen sind, anscheinend auch präventiv eingesetzt. Ob das aber wirklich wirksam und sicher ist, lässt sich bei der aktuellen Studienlage nicht sagen. Einzig für den präventiven Einsatz von Bupropion extended release gab es Hinweise auf eine Wirksamkeit. Von Betroffenen wissen wir aber, dass einige Personen eine Abneigung gegen Antidepressiva haben und lieber nicht-medikamentöse Therapien verwenden würden (8). Bessere Einzelstudien, die auch unterschiedliche Behandlungsalternativen vergleichen sind unbedingt notwendig, damit Betroffene mit ihren Ärztinnen und Ärzten eine informierte Entscheidung treffen können.

Text: Barbara Nußbaumer-Streit

Referenzen:
1. Wirz-Justice A, Graw P, Krauchi K, Wacker HR. Seasonality in affective disorders in Switzerland. Acta Psychiatr Scand Suppl 2003; (418): 92-95.
2. Pjrek E, Baldinger-Melich P, Spies M, Papageorgiou K, Kasper S, Winkler D. Epidemiology and socioeconomic impact of seasonal affective disorder in Austria. Eur Psychiatry 2016; 32: 28-33.
3. American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Washington, DC: American Psychiatric Association; 2013.
4. Rastad C, Wetterberg L, Martin C. Patients‘ Experience of Winter Depression and Light Room Treatment. Psychiatry J 2017; 2017: 6867957.
5. Levitan RD. The chronobiology and neurobiology of winter seasonal affective disorder. Dialogues Clin Neurosci 2007; 9(3): 315-324.
6. DGPPN, BÄK, KBV, AWMF, AKDÄ, BPTK et al. S3-Leitlinie/Nationale Versorgungs-Leitlinie Unipolare Depression – Langfassung. Deutschland: DGPPN BÄK KBV AWMF AdkÄ BPtK BApK DAGSHG DEGAM DGPM DGPs DGRW für die Leitliniengruppe Unipolare Depression; 2015.
7. Nussbaumer-Streit B, Winkler D, Spies M, Kasper S, Pjrek E. Prevention of seasonal affective disorder in daily clinical practice: results of a survey in German-speaking countries. BMC Psychiatry 2017; 17(1): 247.
8. Nussbaumer-Streit B, Pjrek E, Kien C, Gartlehner G, Bartova L, Friedrich M-E et al. Implementing prevention of seasonal affective disorder from patients‘ and physicians‘ perspectives – a qualitative study. BMC Psychiatry 2018; 18(1): 372-372.