Bewegungsübungen verhindern Stürze bei älteren Menschen – aber gilt dies für alle Übungsarten?

In diesem Blog-Beitrag schreibt Cochrane-Reviewgruppen-Leiterin und Review-Autorin Helen Handoll über neue Evidenz, dass Bewegung Stürze bei älteren Menschen verhindern kann, und was dies für ihre Mutter und andere ältere Menschen wie sie bedeuten könnte.

Für meine Mutter gibt es viele Gelegenheiten zu stürzen. Sie hat mittlerweile auch aufgehört, auf Leitern zu steigen. Ansonsten aber führt sie ein aktives Leben mit der Entschlossenheit, unabhängig zu bleiben und in ihrem eigenen Haus mit einem herrlichem Garten zu leben. Jedes Mal, wenn sie hinfällt, trifft es mich in’s Herz…

Jedes Mal fällt sie an einem anderern Ort und wegen einer anderen Ursache. Es wird außerdem immer schwieriger für sie, wieder auf die Beine zu kommen. Auch das Aufstehen ist problematisch, weswegen das Handy, auf dessen Anschaffung mein Bruder bestanden hat, bereits mehrere Male zum Einsatz kam. Es hat einige spektakuläre Blutergüsse gegeben, aber auch ernsthaftere Verletzungen. Darunter ein Wirbelbruch, der über mehrere Wochen sehr schmerzhaft und einschränkend war.

Kleiner Teil vom Garten meiner Mutter

Meine Mutter gehört zu den Millionen älterer Menschen – darunter mehr Frauen als Männer – die weltweit jedes Jahr stürzen. Die Folgen von Stürzen stellen ein bedeutsames Gesundheitsproblem dar. In einem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2018 erstellten Informationsblatt wird geschätzt, dass jährlich über 37 Millionen Stürze bei Erwachsenen und Kindern so schwerwiegend sind, dass sie medizinisch versorgt werden müssen. Stürze älterer Menschen können auch tödlich ausgehen; weitaus häufiger jedoch sind sie zumindest lebensverändernd, indem sie zu einer größeren Abhängigkeit, zu selbst- oder von anderen auferlegten Einschränkungen von Aktivitäten aus Angst vor weiteren Stürzen und zu vermehrter Gebrechlichkeit und Behinderung führen. Diese Veränderungen können den Umzug in ein Pflegeheim zur Folge haben, weswegen die Vermeidung von Stürzen bei älteren Menschen eine Priorität für das öffentliche Gesundheitssystem und der Fokus umfangreicher Forschungsaktivitäten hat.

Neue Evidenz für die Prävention von Stürzen durch Bewegungsübungen

Ein neuer Cochrane Review (Sherrington 2018) wurde vor kurzem veröffentlicht, der sich mit den Wirkungen von „Bewegung zur Verhinderung von Stürzen bei älteren Menschen“ beschäftigt.
Der Review liefert Evidenz von hoher Vertrauenswürdigkeit dafür, dass man durch gut konzipierte Bewegungsprogramme die Gesamtzahl von Stürzen pro Jahr (die Sturzrate) um fast ein Viertel sowie die Zahl älterer Menschen, die einmal oder mehrmals stürzen, um fast ein Sechstel reduzieren kann.

Dass Bewegungsübungen Stürze reduzieren war bereits durch einen früheren Cochrane Review bekannt, der die Evidenz für sämtliche Maßnahmen zur Sturzprävention, einschließlich Bewegungsübungen, für die gleiche Zielgruppe zusammenfasste (Gillespie 2012). Die Erkenntnisse, die aus der sorgfältigen Kategorisierung der in den 108 eingeschlossenen Studien untersuchten Bewegungsprogramme gewonnen werden konnten, sind neu. 81 von ihnen verglichen ein Bewegungsprogramm mit einer Kontrollmaßnahme (mit keiner Maßnahme oder einer Maßnahme, bei der davon ausgegangen wird, dass sie die Zahl von Stürzen nicht reduziert).

Auf Grundlage der Studien gelangten die Autoren* zu der Schlussfolgerung, dass wirksame Bewegungsprogramme solche sind, die hauptsächlich Gleichgewichts- und Funktionstraining oder Kombinationen unterschiedlicher Übungsformen beinhalten (typischerweise Gleichgewichts- und Funktionstraining verbunden mit Krafttraining). Möglicherweise kann auch Tai Chi Stürze verhindern.

Die auf wenigen Studien basierende Evidenz zu Übungsprogrammen, die vorwiegend aus Krafttraining, Tanz oder Gehen bestehen, war nicht eindeutig. Es gab keine Studien in denen Übungsprogramme, die vorwiegend aus Beweglichkeits- oder Ausdauerübungen bestehen, mit einer Kontrollmaßnahme verglichen wurden.

Was sagt die Evidenz darüber hinaus noch aus?

Weitaus weniger Studien untersuchten Ergebnisse, die über den eigentlich Sturz hinausgehen, wie zum Beispiel die Zahl von Personen, die Stürze erleiden, und dann medizinisch versorgt werden müssen. Das wurde insgesamt unzureichend dokumentiert. Jedoch war insbesondere die begrenzte Evidenz für unerwünschte Ereignisse von Bewegungsprogrammen ermutigend. In 14 der 27 Studien, die über unerwünschte Ereignisse berichteten, traten keine dergleichen auf, und die in den übrigen Studien berichteten Ereignisse waren generell harmlos und auf das Muskelskelettsystem begrenzt. Es traten nur zwei schwerwiegende Ereignisse (eine Stressfraktur des Beckens und ein Eingeweidebruch (Hernie)).

Eine weitere wichtige Botschaft dieses Reviews ist die allgemeine Anwendbarkeit der Ergebnisse auf ältere, mit oder ohne Unterstützung selbstständig lebende, Menschen. Zu den wenigen Ausnahmen gehören kürzlich aus dem Krankenhaus entlassene Menschen, die eine Rehabilitation durchführen (hierzu gab es nur sehr wenige Studien) sowie Menschen mit spezifischen Krankheitsbildern wie Schlaganfällen oder der Parkinson-Krankheit (diese sind in anderen Arbeiten begutachtet). Bemerkenswert ist zudem, dass die Evidenz größtenteils aus Studien stammt, die in Ländern mit einem hohen oder mittleren Einkommen durchgeführt wurden. Weiterhin ermittelte der Review, dass Bewegungsübungen die Zahl von Stürzen unabhängig davon reduzierte, ob eine Person vorab ein hohes Sturzrisiko hatte oder nicht. Personen mit einem höheren Risiko profitieren aber wahrscheinlich absolut gesehen mehr.

In der folgenden Tabelle, die sich auf Daten des Reviews bezieht, ist das veranschaulicht. Die Daten zeigen, dass Bewegungsübungen jährlich schätzungsweise zu 139 weniger Stürzen je 1000 älteren Menschen in der Allgemeinbevölkerung führen. Bei Personen mit einem hohen Sturzrisiko reduzieren sich die Stürze nahezu um die Hälfte.

Welche Art, Durchführungsform oder Dosierung?

Wie zuvor bereits berichtet identifizierte der Review gute Evidenz für die Wirksamkeit von drei Arten von Bewegungsübungen. Er ermittelte zudem, dass Bewegungsprogramme unabhängig davon, ob sie einzeln oder in Gruppen ausgeführt oder nach Anleitung durch eine medizinische oder nicht-medizinische Fachkraft durchgeführt werden, wirksam sind. Diese Ergebnisse basieren jedoch auf Beobachtungsdaten auf der Basis von Subgruppenanalysen. Es gab nicht genügend Studien, die die verschiedenen Durchführungsformen oder Dosierungen direkt miteinander verglichen, um zu diesen eine Aussage machen zu können.

Die Dauer von Bewegungsprogrammen ist vielleicht ein weiterer bedenkenswerter Aspekt. Die Dauer der meisten Bewegungsprogramme in den eingeschlossenen Studien betrug 12 oder mehr Wochen; in fast einem Drittel der Studien betrug sie ein Jahr oder länger. Auf den Einzelnen bezogen müssen Bewegungsübungen jedoch kontinuierlich durchgeführt werden, um wirksam zu sein. Die Review-Autoren regen daher an, dass Bewegungsübungen ein Bestandteil „lebenslanger Aktivität zur Maximierung der körperlichen Leistungsfähigkeit im Alter“ sein sollten. Es scheint, dass man nicht früh genug damit anfangen kann.

Was heißt das nun für meine Mutter?

Wir sprachen über all dies, nachdem sie mir einige Fotos von ihrem Garten geschickt hatte. Sie erzählte mir, dass ihr Physiotherapeut ihr nach ihrem letzten Sturz ein paar weitere Übungen gezeigt hat um ihre täglichen Übungen zu ergänzen. Bei einigen dieser Übungen zeigte sich jedoch, dass sie für sie nicht umsetzbar waren . Nach mehreren Versuchen hatten sie und der Physiotherapeut sich lachend auf eine Bank gesetzt, was mir ein Erfolg der ganz eigenen Art zu sein scheint. Zudem aber ist es ein Vorwand, ein von ihr gemaltes Bild beizufügen, welches für diesen Anlass umbenannt wurde.

„Coming up Daisies”(„aufkommende“ Gänseblümchen) – in Öl von Sue Handoll

Text: Helen Handoll

Aus dem Englischen übersetzt von Cordula Braun und Andrea Puhl:
Zur Cochrane Special Collection zur Falls Prevention 

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Depressive mit Sport quälen?

Depression ist eine schwere Erkrankung. Wer jedoch keine Erfahrung damit hat, verwechselt die Depression anderer schon mal mit Antriebslosigkeit oder gar Faulheit. Tipps wie „beweg dich doch mal“ sind die Folge. Abgesehen davon, dass die Krankheit es Betroffenen teilweise unmöglich macht sich aufzuraffen, bleibt die Frage, ob Bewegung gegen Depression überhaupt hilft.

Hilflosigkeit ist furchtbar. Jemand liegt da und schafft es vor lauter Niedergeschlagenheit nicht einmal aus dem Bett. Ursache ist kein schlimmes Ereignis oder ein Problem, das bekämpft werden könnte, sondern die Krankheit Depression. Man will helfen, glaubt vielleicht, man müsse den Menschen einfach nur mal etwas an die frische Luft bringen und ihm Bewegung verschaffen. Doch das allein erweist sich oft schon als unmöglich. Weiterlesen