Stillen am Arbeitsplatz – theoretisch möglich. Praktisch auch?

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Müttern, ihre Säuglinge in den ersten 6 Monaten ausschließlich zu stillen. Stillen hat viele Vorteile, sowohl für die Mutter als auch ihr Kind. Doch wie soll das funktionieren, wenn – wie so oft – Mütter heute nach kürzester Zeit wieder zur Arbeit zurückkehren? Ein Cochrane Review widmet sich dieser Frage.

Theoretisch gut…

Viele Mütter kehren kurze Zeit nach der Geburt ihres Kindes wieder zu ihrem Arbeitsplatz zurück. Finanzielle Gründe oder Angst vor Nachteilen in ihrer Karriere spielen bei dieser Entscheidung eine wichtige Rolle. Theoretisch sollte deshalb auch am Arbeitsort das Stillen oder zumindest das Abpumpen der Muttermilch möglich sein. Das wird in verschiedenen Gesetzen und Verordnungen der europäischen Länder geregelt. So wird in den deutschsprachigen Ländern bei einem vollen Arbeitstag beispielsweise bis zu 90 Minuten Stillpause vergütet*.

Bestenfalls kann die erwerbstätige Mutter in die Kinderkrippe oder nach Hause zum Stillen gehen. Falls nicht, muss den Müttern vom Arbeitgeber ein geeigneter Ruhe- oder Stillraum und eine Aufbewahrungsmöglichkeit für die abgepumpte Milch zur Verfügung gestellt werden.

Soweit zumindest die Theorie.

..und praktisch?

Tatsache ist, dass in Europa nur 13 % der Kinder über sechs Monate hinaus ausschliesslich gestillt werden. Dabei ist die Stillrate direkt nach der Geburt in den meisten Ländern sehr hoch, sinkt jedoch zwischen dem 4. bis 6. Monat stark ab. Nach dem 6. Monat ist sie dann sehr niedrig. Die höchste Stillrate über die Sechsmonatshürde hinaus hat Kroatien mit 52 %; die niedrigste findet sich mit weniger als 1 % in Irland. Obwohl in beiden Ländern der obligatorische und freiwillige Mutterschutz im europäischen Durchschnitt oder darüber liegt, kehren stillende Mütter in Irland aufgrund wirtschaftlicher Gründe früher zur Arbeit zurück.

Eine frühe Rückkehr zur Arbeit stellt einen der wichtigsten Gründe für das Abstillen dar. Hierbei stillen vollzeitarbeitende Mütter tendenziell früher ab, im Vergleich zu Müttern, die gar nicht oder nur Teilzeit arbeiten. So gehen in der Schweiz viele Mütter nach 14 Wochen wieder arbeiten. Da ihnen jedoch das Stillen am Arbeitsplatz unangenehm ist oder es dort dafür keine guten Möglichkeiten gibt, stillen viele erwerbstätige Mütter in der Schweiz nicht mehr ausschliesslich und beginnen früher mit der Beikost. Die familienidyllische Werbung für industrielle Säuglingsnahrung unterstützt diesen Trend noch zusätzlich. Und dies obwohl nur wenige Mütter bzw. ihre Kinder tatsächlich auf solch eine spezielle Nahrung angewiesen wären. Hinzukommt, dass Stillpausen während der Arbeitszeit oftmals nur zur Hälfte vergütet werden. Häufig möchten Mütter ihre Kinder jedoch nach Bedarf stillen und nicht zu einem bestimmten – in den Arbeitsalltag passenden – Zeitpunkt.

Gesundheitliche Vorteile des Stillens für Mutter und Kind

Es ist mittlerweile sehr gut belegt, dass Stillen gesundheitliche Vorteile sowohl für das Kind als auch die Mutter mit sich bringt. So sind Kinder weniger anfällig für Entzündungen des Magens, des Darmtrakts, der Atemwege und Lungen, wenn sie in den ersten drei bis vier Monaten ausschliesslich gestillt werden. Kinder, die gar nicht gestillt werden, sind im späteren Leben mit höherer Wahrscheinlichkeit übergewichtig oder erkranken an Diabetes. Mütter, die nicht Stillen, sind einem höherem Risiko für Brust- und Eierstockkrebs ausgesetzt.

Oftmals müssen Frauen früher mit dem Stillen aufhören, als sie selbst das wünschen, da sie auf unerwartete Probleme – wie beispielsweise schmerzende Brustwarzen – stossen. Eine gute Versorgung oder auch zusätzliche Unterstützungsangebote können Frauen dabei unterstützen, ihre Stillprobleme zu lösen.

Und wie sieht die Evidenz aus?

Ein Cochrane Review in der frei verfügbaren Special Collection „Enabling breastfeeding for mothers and babies“ untersuchte, ob spezielle Programme zur Förderung des Stillens am Arbeitsplatz helfen, die Stilldauer zu erhöhen. Die AutorInnen konnten jedoch keine randomisierten kontrollierten Studien finden, welche die Wirksamkeit irgendeiner Massnahme am Arbeitsplatz zur Förderung stillender Mütter untersuchten.

Fazit:

Stillen am Arbeitsplatz ist in Europa grundsätzlich möglich. Nichtsdestotrotz fehlt es oftmals an der konkreten Umsetzung, wie beispielsweise an geeigneten Stillräumen oder Aufbewahrungsmöglichkeiten für die abgepumpte Milch. Zudem sind Stillende oftmals nicht oder nicht ausreichend über ihre Rechte am Arbeitsplatz informiert. Daher müssen noch mehr Massnahmen ergriffen werden, damit das Stillen am Arbeitsplatz zur Normalität wird und nicht als unangenehm oder lästig von der Mutter selbst oder ihrem beruflichen Umfeld angesehen wird.

Um zu verhindern, dass mehr Frauen vor der Rückkehr an den Arbeitsplatz abstillen oder erst später zur Arbeit zurückkehren, sind mehr aussagekräftige Studien erforderlich, die Massnahmen am Arbeitsplatz zur Förderung des Stillens untersuchen.

 

Text: Anne Borchard

 

*Deutscher Bundestag: Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung des Mutterschutzrechts
Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Mutterschutzgesetz 1979, Fassung vom 07.03.2018;
Arbeitsgesetz: Arbeitszeit und Stillzeit bei Schwangerschaft und Mutterschaft.

 

 

 

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