Gut informierte Kommunikation zwischen Arzt und Patient – das GAP-Projekt

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In den vorangegangenen Beiträgen unserer Blogserie „Wenn der Rücken schmerzt“ haben wir aktuelle Cochrane Evidenz zu verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten für den unspezifischen Kreuzschmerz vorgestellt. In diesem letzten Beitrag möchten wir das „GAP-Projekt“ vorstellen, ein  Forschungsprojekt, in dem eine neue Versorgungsform für Menschen mit unspezifischen Kreuzschmerzen erprobt wird.

Im Dschungel der Informationen

Wir alle wissen, dass Informationen zu Gesundheitsproblemen nicht immer vertrauenswürdig sind. Informationen zu Kreuzschmerzen stellen hier keine Ausnahme dar. Manchmal spiegeln sie den Glauben oder die Überzeugungen derer wider, die sie erstellt haben, nicht aber den aktuellen, wissenschaftlichen Kenntnisstand. Und manchmal sind sie bewusst dazu konzipiert, Behandlungen zu „verkaufen“, selbst wenn es für ihre Wirksamkeit keinen wissenschaftlichen Beleg gibt oder es sogar Belege dafür gibt, dass sie nicht wirksam oder möglicherweise schädlich sind.

Die große Fülle an Informationen, die es in den Medien zu Kreuzschmerzen gibt, und die Tatsache, dass diese häufig „ungefiltert“ sind, macht es sehr schwierig zu beurteilen, welche Informationen vertrauenswürdig sind, und welche nicht. Der Umgang mit Informationen zu Gesundheitsproblemen ist aber nicht nur für Patienten und Laien schwierig. So ist es für Ärzte und Therapeuten nicht leicht, immer auf dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zur bestmöglichen Behandlung eines Gesundheitsproblems zu sein. Zu den häufig genannten Schwierigkeiten bei der Nutzung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zählt, dass viele wissenschaftliche Veröffentlichungen nur in englischer Sprache verfügbar sind, dass der Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen häufig kompliziert und teuer ist, und dass die notwendige Zeit für den Informationsbezug vor allem in der konkreten Entscheidungssituation nicht ausreicht.

Mit unserer Serie „Wenn der Rücken schmerzt“ wollten wir diesem Problem etwas entgegensetzen, in dem wir Ihnen vertrauenswürdige Informationen aus Cochrane Reviews zu verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten für den unspezifischen Kreuzschmerz zusammengestellt haben.

GAP – Gut informierte Kommunikation zwischen Arzt und Patient

Das GAP-Projekt nimmt sich der oben genannten Probleme in einer besonderen Weise an. „Herzstück“ des Projekts ist ein speziell entwickeltes Internetportal, das Patienten und Allgemeinmedizinern evidenzbasierte, vertrauenswürdige Informationen zum unspezifischen Kreuzschmerz zur Verfügung stellt. Das GAP-Projekt untersucht, ob die Nutzung des Portals die Kommunikation zwischen Patienten und behandelndem Arzt und ihre „Informiertheit“ verbessert. Zudem wird untersucht, inwieweit sich dadurch Arbeitsunfähigkeitstage und Gesundheitskosten verringern.

Dr. Sebastian Voigt-Radloff, Wissenschaftler im Institut für Evidenz in der Medizin (für Cochrane Deutschland Stiftung), leitet das Projekt. Neben Cochrane Deutschland (und anderen Abteilungen der Universität Freiburg) sind das Allgemeinmedizinische Institut am Universitätsklinikum Erlangen, der BKK Landesverband Bayern und Kommunikationswissenschaftler der TU Dortmund beteiligt. Das GAP-Projekt wird mit insgesamt rund 2,3 Mio Euro vom Innovationsfonds gefördert.

Wir haben Herrn Dr. Voigt-Radloff für ein Interview zum GAP-Projekt gewinnen können:

Was hat Sie auf die Idee für das GAP-Projekt gebracht? Warum halten Sie es für wichtig, und was versprechen Sie sich davon?

Cochrane International und Cochrane Deutschland arbeiten seit vielen Jahren daran, dass Patienten gute und verständliche Informationen zur Wirksamkeit von Therapieverfahren erhalten. Denn nur so können sie gemeinsam mit dem Arzt ihres Vertrauens kluge Behandlungsentscheidung treffen. Der BKK (Betriebskrankenkassen) Landesverband Bayern kam vor einiger Zeit auf Cochrane Deutschland zu und wollte durch gute Informationen die Situation der vielen BKK-Versicherten mit Kreuzschmerzen verbessern. Kreuzschmerzen sind nicht nur weit verbreitet und äußerst lästig, sondern können sowohl die Arbeits- als auch Funktionsfähigkeit im Alltag sehr stark beeinträchtigen, und verringern damit die Lebensqualität vieler Menschen in Deutschland. Bei unspezifischen Kreuzschmerzen sind oft zu viele Spezialuntersuchungen im Spiel, manchmal auch große, aber oft unbegründete Sorgen der Betroffenen und ein unangemessener Trend hin zu passiven Therapiemaßnahmen wie Aktivitätsreduktion und schlecht kontrollierter Dauermedikation.

Gute Informationen für Ärzte UND Patienten mit Kreuzschmerzen können hier helfen. Mit guten Informationen meinen wir, dass sie erstens für Patienten gut verständlich sind, zweitens den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand widerspiegeln und drittens für Arzt und Patient zum Zeitpunkt der Beratungs- und Entscheidungssituation auch tatsächlich zur Verfügung stehen, und zwar in ausreichender Bandbreite, aber eben nicht in zu großer Menge. Der Info-Dschungel soll gelichtet werden. Denn ein Verirren im Dickicht raubt dem Arzt Zeit und dem Patienten den letzten Nerv.

Wer ist an dem Projekt beteiligt? Wo findet es statt?

Wir kooperieren mit forschenden Allgemeinmedizinern der Universität Freiburg und Universität Erlangen, mit Kommunikationswissenschaftlern der TU (Technischen Universität) Dortmund und mit einem großen Forschungsteam, das die Wirksamkeit des Internetportals prüft (Psychologen, Statistiker, Medizininformatiker, Physiotherapeuten, Gesundheitswissenschaftler und Gesundheitsökonomen). Die meiste Arbeit machen aber die Hausärzte vor Ort in Bayern. Sie beraten BKK-Versicherte mit Kreuzschmerz und laden sie zur Studienteilnahme ein. Hier arbeiten wir eng mit dem Bayrischen Hausärzte-Verband zusammen.

Wie kann man sich das Informationsportal vorstellen? Können Sie kurz beschrieben, wie es aufgebaut und gestaltet ist? Ist es frei zugänglich?

Um aussagefähige Studienergebnisse zu erhalten, darf nur ein vorher bestimmter Anteil an Hausärzten und Patienten Zugang zum Portal erhalten. Alle anderen Ärzte und Kreuzschmerzpatienten sollen alles machen wie bisher und erhalten daher keinen Zugang. Nur so können wir sicherstellen, dass eventuelle unterschiedliche Behandlungserfolge zwischen Portalnutzern und Nichtnutzern tatsächlich auf die Portalnutzung zurückführen sind. Wenn sich die Portalnutzung nach Beendigung der Studie als nützlich erwiesen hat, kann das Portal weiteren Nutzerkreisen zugänglich gemacht werden.

Das Portal heißt talamed Rückenschmerz. Das schwedische Wort „tala“ bedeutet „sprechen“ oder „reden“ und weist damit auf unseren Fokus der Kommunikationsverbesserung hin. talamed umfasst Informationen zu Ursachen, Symptomen und Behandlungenansätzen von unspezifischem Kreuzschmerz. Ein und dieselben Informationen sind für Arzt und Patient unterschiedlich aufbereitet. Der Arzt kann durch Literaturhinweise und Links tiefer in Detailinformationen „eintauchen“, aber auch gut verständliches „Erklärmaterial“ für den Patienten finden, einschließlich Videos und Grafiken. Der Patient findet übersichtliche und in verständlicher Sprache verfasste Texte, aber auch Grafiken, Erklärvideos oder Trainingsvideos für das aktive Üben zuhause. Für einen ersten Eindruck hier zwei „Schnappschüsse“ für Arzt und Patient.

Das Projekt beinhaltet mehrere Phasen. Können Sie diese Phasen kurz beschreiben?

Zur ersten Phase der Portalentwicklung haben wir die besten Informationen zu Kreuzschmerzen aus internationalen und nationalen Übersichtsarbeiten und medizinischen Leitlinien analysiert und in Informationseinheiten zusammengefasst. Gemeinsam mit Webdesignern und in stetiger Abstimmung mit Hausärzten, Patienten, Physiotherapeuten und Kommunikationswissenschaftlern wurden diese Informationseinheiten zu einem gut navigierbaren Prototyp zusammengestellt. Nach Pilotierung durch Hausärzte und Patienten wurde der Prototyp optimiert und dann der teilnehmenden Hausärzteschaft in Bayern über ein Login-System zur Verfügung gestellt.

In der Hauptphase der Studie wird das Portal genutzt und wir befragen Patienten und Ärzte vor und nach der Portalnutzung zur Arzt-Patienten-Kommunikation und zu ihrer „Informiertheit“. Dieselben Fragen stellen wir zu denselben Zeitpunkten den zufällig ausgewählten Nichtnutzern des Portals. Erst so entsteht der für die Wirksamkeitsforschung so wichtige Gruppenvergleich.

Parallel zu dieser Phase der talamed Nutzung und Überprüfung entwickelt unser Forschungsteam eine Suchmaschine für gute Gesundheitsinformationen im Internet auch jenseits von Kreuzschmerz. So wollen wir, falls das GAP-Projekt erfolgreich ist, schnell wertvolle Informationen auch für andere Gesundheitsprobleme zu Verfügung stellen können.

Was ist der aktuelle Stand des Projekts? Wann wird es voraussichtlich beendet sein? Gibt es schon irgendwelche Zwischenergebnisse oder -erkenntnisse?

Derzeit haben wir beim Forschungsförderer einen Antrag auf Projektverlängerung gestellt und rechnen daher erst Ende 2021 mit aussagefähigen Ergebnissen. Erstes Zwischenfazit: Es war absolut essentiell, dass alle Nutzergruppen, also Ärzte und Patienten, die Portalentwicklung stark mitgeprägt haben. Als weiteres Zwischenfazit können wir sagen, dass unser Ziel, möglichst viele Hausärzte inmitten ihres Praxisalltags für die Studie zu gewinnen, sehr ehrgeizig ist, das Informationsangebot im Portal dann aber als sehr wertvoll erachtet wird.

Was soll mit den Ergebnissen des Projektes geschehen?

Zeigt sich der Wert des Informationsangebots im Portal auch in der kritischen wissenschaftlichen Überprüfung, planen wir zum einen das Portal breiter zugänglich zu machen und zum anderen die Portalentwicklung für Kreuzschmerz als „Blaupause“ für andere Gesundheitsthemen heranzuziehen.

Gerne tragen wir damit auch zu gegebener Zeit zu einem nationalen Gesundheitsportal bei. Denn Cochrane Deutschland ist sich mit dem Bundesgesundheitsministerium darin einig, dass Verbrauchern in Deutschland kontinuierlich transparente, gut verständliche und evidenzbasierte Gesundheitsinformationen zum Zeitpunkt der Therapieentscheidung zur Verfügung stehen sollten.

Zum Schluss…

Wir bedanken uns bei Dr. Sebastian Voigt-Radloff für die Antworten auf unsere Fragen zum GAP-Projekt und wünschen dem GAP-Team alles Gute für die Fortführung des Projektes.
Mit diesem Beitrag endet unsere Themenserie „Wenn der Rücken schmerzt“. Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, Ihnen mit den fünf Beiträgen einen guten und informativen Überblick über den wissenschaftlichen Kenntnisstand zur Behandlung des unspezifischen Kreuzschmerzes zu vermitteln. Selbstverständlich werden wir die Evidenz zu Rückenschmerzen und auch das GAP-Projekt weiter im Blick behalten und auch zukünftig über neue Erkenntnisse zu diesem Thema berichten.

Text: Cordula Braun und Sebastian Voigt-Radloff

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