Cochrane Insurance Medicine – ein Cochrane Feld stellt sich vor

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Regina Kunz, Professorin für Versicherungsmedizin, Universitätsspital Basel, mit Unterstützung von Rebecca Weida, ehemalige Koordinatorin der Cochrane Gruppe Insurance Medicine.

Versicherungsmedizin hört sich nach einem hochspezialisierten Nischengebiet an. Jedoch betrifft sie fast jeden Menschen. Sobald es um Kranken-, Unfall-, Invaliden- und Rentenversicherungen geht, ist die Versicherungsmedizin im Spiel. Das Cochrane Feld Insurance Medicine sorgt dafür, dass mehr hochwertige Evidenz verfügbar ist, um Entscheidungen und Bewertungen in der Sozial- und Versicherungsmedizin zu unterstützen.

Wenn ich von meinem Arbeitsbereich erzähle, bekomme ich oft die gleiche Rückmeldung: „Versicherungsmedizin, das hört sich aber trocken an!“. „Einerseits schon“, lautet dann meine Antwort, „aber dann doch wiederum überhaupt nicht“. Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie erleiden einen Unfall und müssen länger in den Krankenstand. Diesen Zustand würde ich Ihnen natürlich nicht wünschen, doch ist das kein unrealistisches Szenario. Oder Sie sind Arzt* und müssen die Arbeitsunfähigkeit eines Patienten ermitteln. Und schon wären wir mitten drin, im Thema der Versicherungsmedizin, welche ein untergeordneter Bereich der Sozialmedizin ist. Also ist sie gar nicht so alltagsfremd, wie sie auf den ersten Blick erscheinen könnte.

Was ist Sozial-/Versicherungsmedizin?

Sozial- und Versicherungsmedizin sind zentrale Bestandteile unserer sozialen Versorgung (‚social care‘) und kümmert sich um medizinische Fragen, die im Zusammenhang mit dem sozialen Netz zum Schutz vor den Folgen von Krankheit und Unfall entstehen. In Deutschland werden diese Aufgaben von Sozialmedizinern, sowie Hausärzten und Fachärzten in der Versorgung, aber auch Berufsexperten und Reha-Medizinern übernommen. Zu den Aufgaben gehören die Erstellung ärztlicher Atteste für den Arbeitgeber, die bei den Versicherern Krankengeld auslösen, die Einschätzung der Arbeits(un-)fähigkeit bei Krankheit, die Empfehlung von Massnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung nach Krankheit oder Unfall oder die Feststellung der Wirksamkeit und des Nutzens diagnostischer Tests und medikamentöser und nicht-medikamentöser Behandlungen.

Die Anliegen der Sozial- und Versicherungsmedizin umfassen nahezu das ganze Spektrum der medizinischen Versorgung. Aus diesem Grund arbeitet die Cochrane Gruppe themenübergreifend und bemüht sich, dass möglichst viele Reviews Aspekte, die für die Gesellschaft von Bedeutung sind, wie z. B. die berufliche Wiedereingliederung, die Auswirkung von Massnahmen auf einen Rückgang von Fehlzeiten am Arbeitsplatz oder Kosten-Nutzen-Berechnung, als einen weiteren Endpunkt integrieren.

Globale Evidenz, aber lokale Entscheidungen

Wie in allen Cochrane Gruppen lässt sich die Evidenzentwicklung und -verbreitung in inter-nationaler Zusammenarbeit besser realisieren. Obwohl die internationale Ausrichtung in der Sozial- und Versicherungsmedizin gerade erst beginnt, wird sie bei Cochrane Insurance Medicine schon jetzt gezielt angestrebt, da sich – entgegen weitverbreiteter Meinung – auch die sozial- und versicherungsmedizinischen Fragestellungen in den meisten westlichen Ländern stark ähneln. Die Unterschiede bestehen im rechtlichen und administrativen Kontext der einzelnen Länder, und jedes Land muss sich eigenständig darum bemühen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse gemäss nationaler Gesetzgebung in die sozialmedizinische Versorgung zu integrieren.

Aktivitäten von Cochrane Insurance Medicine

Gegründet 2015 von Wissenschaftlern aus der Schweiz, den Niederlanden, Schweden und Kanada – alle mit einem Forschungsschwerpunkt „Sozial- und Versicherungsmedizin“, setzt sich Cochrane Insurance Medicine dafür ein, dass sozial- und versicherungsmedizinische Anliegen verstärkt in Cochrane Reviews berücksichtigt werden. Das gilt vor allem für Reviews mit Interventionen, die sich auch auf Arbeitsfähigkeit und Behinderung auswirken. Aus Sicht unserer Gruppe sollte jeder Review auch die Auswirkungen von verschiedenen Behandlungsformen z.B. bei chronischen Rückenschmerzen, Atemwegserkrankungen oder psychischen Störungen auf die Kurz- oder Langzeit-Arbeitsunfähigkeit erfassen. Entsprechend gehören Cochrane Work, Cochrane Injuries (‚Verletzungen‘), Common Mental Disorders (psychische Störungen) oder Back and Neck (‚Rückenschmerzen‘) zu den thematisch benachbarten Cochrane Gruppen.

Sozial- und versicherungsmedizinische Endpunkte in Cochrane Reviews?

Um herauszufinden, ob Cochrane Reviews auch Ergebnisse von sozialmedizinischer Bedeutung beinhalten, haben wir 101 Reviews untersucht, in denen wir solche Ergebnisse erwarten würden. Wir waren überrascht, dass nur 14 % dieser Reviews direkt über Arbeits(un-) fähigkeit oder Krankschreibung berichteten und 36 % der Reviews z. B. über die Dauer eines Krankenhausaufenthalts wenigstens indirekte Aussagen dazu machten. Kurzum, es gibt Luft nach oben und Arbeit für unser Team.

Relevante Reviews und Primärstudien leichter zugänglich machen

Zwar gibt es zu sozial- und versicherungsmedizinischen Themen mehr Studien und systematische Reviews als viele denken, diese sind aber oft versteckt und selbst für Personen mit Expertise im Suchen gängiger Datenbanken (PubMed) nur schwer auffindbar. Einerseits existiert tatsächlich weniger Forschung als in den klinischen Fächern, andererseits fehlen einheitliche Suchbegriffe, die das Auffinden der Studien erleichtern. Um diese Situation zu verbessern, haben wir einige Schritte eingeleitet:

• In einem Pilotprojekt stellen wir auf unserer Webseite Cochrane Reviews, systematische Reviews und Instrumente zu den Kernaufgaben der Sozial- und Versicherungsmedizin zusammen.
• Des Weiteren haben wir die Machbarkeit einer Datenbank für entsprechende Studien und Reviews geprüft und arbeiten derzeit an einer Testdatenbank.
• Unsere Webseite informiert regelmässig über neue Cochrane Reviews zu spezifischen Fragestellungen wie der beruflichen Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oder Cochrane Reviews zu therapeutischen Massnahmen mit Auswirkung auf Krankheitstage.
• Seit Oktober 2015 erscheint dreimal jährlich unser Newsletter, der über aktuelle Aktivitäten des Feldes informiert. Sie können unseren Newsletter hier abonnieren.

Sie wollen sich engagieren?

Wenn Sie sich für unsere Arbeit interessieren, gibt es viele Möglichkeiten, uns zu helfen:

• Sie sprechen neben Deutsch auch Englisch? Dann könnten Sie helfen, Kurzfassungen von Reviews in englischer Sprache laienverständlich ins Deutsche zu übersetzen.
• Sozialmediziner mit Erfahrung in systematischen Reviews können ihre Kompetenz zur Verfügung stellen, wenn Reviewer sozial- und versicherungsmedizinische Endpunkte in ihr Protokoll integrieren und dafür Unterstützung brauchen.
• Schicken Sie uns aus Ihrer Sammlung systematische Reviews und Primärstudien zu sozial-/ versicherungsmedizinischen Themen.

Sie finden unsere Webseite unter insuremed.cochrane.org und erreichen uns unter insuremed.cochrane@usb.ch

Text: Prof. Dr. Regina Kunz mit Unterstützung von Rebecca Weida

Regina Kunz

Rebecca Weida

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

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