Cochrane sammelt die beste wissenschaftliche Evidenz und fasst sie zusammen, damit jede und jeder die nötigen Informationen hat, um über eine Behandlung entscheiden zu können. Vollständige Cochrane Reviews stehen in der Cochrane Library auf Englisch zur Verfügung. Auf Cochrane Kompakt werden Ergebnisse von Cochrane Reviews in deutscher Sprache und allgemeinverständlich zusammengefasst. Hier im Blog berichten wir überwiegend über ausgewählte Themen von Cochrane Kompakt, liefern Geschichten über den Nutzen und Hintergrundinformationen, wie die Ergebnisse zustande kommen.

Toastbrot, Reiswaffel, Cornflakes adé? Beugen Ernährungsformen mit einem niedrigen glykämischen Index kardiovaskulären Erkrankungen vor?

Der glykämische Index – ein Richtwert für den Anstieg des Blutzuckers durch die Nahrung – ist vor allem Diabetikern ein Begriff. Was sagt der glykämische Index von Lebensmittel aus und warum könnte er für die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen relevant sein? Um diese Frage geht es in diesem dritten Artikel der Wissen Was Wirkt Serie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“.

Morgens schnell ein Toastbrot mit Marmelade, im Büro zwei Reiswaffeln und vor dem Mittag noch eine kleine Schale Cornflakes, weil plötzlich eine Heißhungerattacke kam. Der Blutzucker schwankt und die Bauchspeicheldrüse muss in den wenigen Stunden häufig arbeiten. Wieso? Die genannten Snacks sind kohlenhydratreich – sie enthalten also Zucker, der je nach Beschaffenheit des Nahrungsmittels unterschiedlich schnell ins Blut gelangt.

Was ist der glykämische Index?

Der glykämische Index (GI) ist ein Richtwert, der angibt, wie stark der Blutzuckerspiegel im menschlichen Körper nach dem Verzehr von kohlenhydratreichen Lebensmitteln ansteigt. Je höher der GI, desto stärker steigt der Blutzuckerspiegel an. Entsprechend der Zuckerkonzentration im Blut wird dann die Ausschüttung des körpereigenen Hormons Insulin angeregt, um den Zucker in die Zellen aufzunehmen. Der GI von 50g Glucose (100) gilt als der höchste Gl-Wert und somit als Referenzwert. Alle anderen Lebensmittel werden hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Blutzucker zu diesem ins Verhältnis gesetzt. Der GI wird in niedrig (< 55), mittel (55-70) und hoch (70-100) eingeteilt. Das Toastbrot und die Cornflakes weisen mit einem GI von 73 und 81 jeweils einen hohen glykämischen Index auf (mehr Informationen).

Studien zeigen, dass eine Diät, die einen hohen GI aufweist, die Entstehung von Diabetes Typ 2 begünstigt, sowie entzündungsfördernd und gefäßschädigend wirken kann. Gefäßschädigungen und Diabetes Typ 2 sind wiederum mit einem erhöhten Risiko für die Arterienverkalkung (Arteriosklerose) und somit kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert (mehr Informationen). Zudem wurde festgestellt, dass eine Diät mit einem geringen GI zu einer Senkung der LDL (Low Density Lipoprotein) und Cholesterinwerte im Blut führen kann.

Cochrane Evidenz zur Ernährung mit niedrigem GI und Herzgesundheit

In diesem aktualisierten Cochrane Review untersuchten die Autoren die Wirkung von Diäten mit niedrigem GI im Vergleich zu ähnlich zusammengesetzten Diäten mit höherem GI auf die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen. Im Einzelnen wurde ebenfalls geprüft, ob sich Diäten mit hohem GI negativ auf den Cholesterinspiegel im Blut oder den Blutdruck auswirken, die ihrerseits das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, wie z. B. Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen.

Die Autoren schlossen insgesamt 21 randomisierte kontrollierte Studien ein, die bis Juli 2016 veröffentlicht wurden. Die Studien untersuchten jeweils erwachsene Studienteilnehmer zwischen 19 und 69 Jahren, die entweder gesund waren, ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufwiesen (Primärprävention) oder bereits unter einer kardiovaskulären Erkrankung litten (Sekundärprävention).

Mehrheitlich wurden in den Studien Teilnehmer betrachtet, die Risikofaktoren (Übergewicht, Adipositas oder erhöhte Blutfettwerte) für eine kardiovaskuläre Erkrankung aufwiesen. Studien wurden ausgeschlossen, sobald der Interventionszeitraum (Dauer der Studie) weniger als 12 Wochen betrug oder es sich um Patienten mit Diabetes Typ 2 handelte.

Bei den Interventionsgruppen wurden entweder Ernährungsberatungen durchgeführt oder es kam zur direkten Verschreibung einer GI-reduzierten Ernährung bzw. Anreichung GI-reduzierter Lebensmitteln. Dabei galt es darauf zu achten, dass sich die Diäten zwischen der Kontroll- und Interventionsgruppe nur bezüglich des GI unterschieden, sich jedoch hinsichtlich der Zusammensetzung an Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten sowie des Energiegehalts ähnelten.

Um die Wirksamkeit der Ernährungsweise mit einem geringen GI messen zu können, wurden die Interventions- und Kontrollgruppen unter anderem hinsichtlich folgender Endpunkte vor und nach dem Interventionszeitraum untersucht.

• Primäre Endpunkte, wie zum Beispiel tödliche oder nicht-tödliche Vorfälle infolge eines klinischen Ereignisses wie Schlaganfall oder Herzinfarkt,
• Sekundäre Endpunkte, wie Veränderungen der Blutfette, des Blutdrucks oder des Körpergewichts.

Ergebnisse

Primäre Endpunkte
Keine der eingeschlossenen Studien untersuchte die Gruppen auf Unterschiede bezüglich der allgemeinen Sterberate (Mortalität), der Sterberate infolge einer kardiovaskulären Erkrankung (kardiovaskuläre Mortalität) oder klinischer Ereignisse (Schlaganfall, Herzinfarkt, Bypass) aufgrund der kardiovaskulären Erkrankung.

Sekundäre Endpunkte
Mit Blick auf die Blutfette (Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyceride), den Blutdruck, das Körpergewicht und den Body-Mass-Index konnten zwischen den Interventions- und Kontrollgruppen keine Unterschiede festgestellt werden.

Einstellung zu Ernährungsformen (Zufriedenheit, Appetit, Sättigung)
Fünf Studien berichteten Ergebnisse zu Ernährungsformen und zu Faktoren wie Zufriedenheit, Appetit und Sättigung. Nur eine dieser Studien berichtete ein geringeres Hungergefühl in der Interventionsgruppe.

Nebenwirkungen
In zwei Studien, welche über Nebenwirkungen berichteten, konnten keine schädlichen Wirkungen beobachtet werden.

Sind Ernährungsformen mit einem niedrigen glykämischen Index wirksam um kardiovaskuläre Erkrankungen vorzubeugen?

Insgesamt bleibt unklar, ob die Diät mit niedrigem GI eine positive Wirkung auf kardiovaskuläre Risikofaktoren hat oder kardiovaskulären Ereignissen vorbeugt. Zudem konnte das Bias-Risiko (Verzerrungspotential) für die Mehrzahl der eingeschlossenen randomisierten kontrollierten Studien aufgrund von fehlenden Informationen nicht festgestellt werden, sodass die Vertrauenswürdigkeit der Studienergebnisse eingeschränkt ist.

Text: Maren Fendt

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Müssen wir unsere Fleischeslust zügeln?

Rotes und verarbeitetes Fleisch stehen im Ruf, der Gesundheit zu schaden. Sollten wir deshalb alle weniger davon essen? Eine kürzlich im Fachblatt Annals of Internal Medicine veröffentlichte Leitlinie kommt zu dem Schluss, dass dies aus individueller Sicht nicht notwendig sei. Worauf beruht diese Empfehlung, die sich so grundlegend von den bisherigen Ratschlägen unterscheidet?

Wenn es um die Zuspitzung von Schlagzeilen geht, vollbringt das britische Boulevardblatt „The Sun“ regelmäßig Spitzenleistungen. „Eine Scheibe Bacon am Tag ist tödlich“ war dort im April zu lesen – eine schockierende Nachricht für ein Land, in dem der in der Pfanne gebratene Frühstücksspeck mindestens so sehr zum nationalen Kulturgut gehört, wie die gute alte Tasse Tee.

Der wahre Kern der Meldung: Seit Jahren warnen Wissenschaftler und Gesundheitsbehörden vor möglichen Risiken des Konsums von rotem Fleisch (also z.B. von Rind, Schwein oder Lamm). Das gilt insbesondere, wenn es verarbeitet ist – als Wurst, Schinken oder eben Bacon. 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung, kurz IARC, derartige Fleischprodukte offiziell als „krebserregend“ ein; unverarbeitetes rotes Fleisch landete in der Kategorie „vermutlich krebserregend“. Rotes und verarbeitetes Fleisch (in der Folge auch einfach „Fleisch“) gilt als Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes und Darmkrebs. Doch im Oktober gab es – glaubt man der „Sun“ – eine 180-Grad-Kehrtwende: „Bacon ist sicher – ohne Wenn und Aber“ war diesmal auf der Titelseite zu lesen. Das hätten neue Veröffentlichungen in der Fachzeitschrift Annals of Internal Medicine ergeben.

Die beiden Schlagzeilen stehen beispielhaft für das mediale Wechselbad der Gefühle, dem Konsumenten in vielerlei Ernährungsfragen ausgesetzt sind. Egal ob Fett, Zucker, Kaffee, Alkohol oder eben Fleisch: Mal sind sie wahre Killer, dann wieder war alles nur falscher Alarm. Kein Wunder, dass das Hü und Hott der widersprüchlichen Meldungen in der Öffentlichkeit Frustration und Gleichgültigkeit erzeugt. Und die nagen ganz allgemein am Vertrauen in die Wissenschaft – was soll man noch glauben, wenn sich die Forscher nicht einmal bei so etwas Simplem wie Frühstücksspeck einig sind? Wozu sich noch an den Rat von Experten halten, wenn Alles (und Nichts) gefährlich scheint?

Die „Entwarnung“

Einer der Autoren dieses Blogbeitrags (Joerg Meerpohl) war als Koautor an der Leitlinie beteiligt, die im Oktober in den Annals veröffentlicht wurde. Tatsächlich kommt sie nach Sichtung sämtlicher verfügbarer Evidenz und sorgsamer Abwägung zu dem Schluss, dass die spezifischen Gesundheitsrisiken durch normalen Fleischkonsum offenbar gering sind – wenn sie überhaupt existieren. Denn die vorhandene Evidenz, welche für die Arbeit mit großem Aufwand in fünf systematischen Übersichtsarbeiten zusammengefasst wurde, ist sämtlich von geringer bis sehr geringer Vertrauenswürdigkeit. Aufgrund dieser Ergebnisse kam die Leitliniengruppe zu der Empfehlung, dass Erwachsene ihren gegenwärtigen Konsum von unverarbeitetem rotem Fleisch, wie auch jenen von verarbeitetem Fleisch beibehalten können.

Diese Empfehlung widerspricht tatsächlich dem, was IARC, nationale Gesundheitsbehörden und viele Experten seit Jahren propagieren – nämlich, der eigenen Gesundheit zuliebe den Fleischkonsum zu reduzieren. Sie löste nicht nur in den Medien, sondern auch in Fachkreisen eine hitzige Diskussion aus. Wir möchten hier genauer erklären, wie die Arbeitsgruppe zu ihren Schlüssen kam.

Was genau wurde untersucht?

Die Leitlinien wurden vom Nutritional Recommendations Consortium erstellt, einem internationalen Konsortium von ausgewiesenen Experten für Evidenzbewertung, das sich zum Ziel gesetzt hat, unabhängige, evidenzbasierte Empfehlungen für Leitlinien im Ernährungsbereich zu erarbeiten. Auf Basis einer methodisch rigorosen Vorgehensweise wurde die verfügbare wissenschaftliche Evidenz berücksichtigt und mit Hilfe des etablierten GRADE-Systems (1) ihre Vertrauenswürdigkeit bewertet – ein Aspekt, der in vielen Leitlinien und erst recht in deren öffentlicher Diskussion zu wenig Raum erhält. Zudem versuchen NutriRECS-Empfehlungen neben der rein medizinischen Evidenz auch Wertvorstellungen und Präferenzen der Konsumenten zu berücksichtigen.

Es ging also um die Frage, welche Evidenz es dafür gibt, dass ein reduzierter Konsum von rotem Fleisch und Fleischprodukten mit geringeren Risiken für Krebs, kardiovaskulären Erkrankungen und Gesamt-Mortalität einhergeht und welche konkreten Handlungsempfehlungen für die Verbraucher sich daraus ableiten lassen. Als realistische Reduzierung ging das Konsortium dabei von drei Portionen weniger pro Woche aus – eine Portion entspricht ca. 65 Gramm gebratenem oder verarbeitetem Fleisch. Zur Einordnung: Österreicher und Deutsche essen im Durchschnitt fast 1000 Gramm rotes Fleisch und Fleischprodukte pro Woche, Schweizer etwas weniger.

Natürlich gibt es durchaus gute, nicht-medizinische Gründe, den Fleischkonsum zu reduzieren, sei es das Tierwohl oder der höhere Beitrag einer Fleischkost zum globalen Klimawandel. Die NutriRECS-Empfehlungen beziehen sich jedoch ausdrücklich nur auf die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen eines reduzierten Fleischkonsums, und zwar aus Sicht des individuellen Konsumenten, nicht aus einer Public-Health-Perspektive.

Die als Evidenzgrundlage der Empfehlung eigens erstellten fünf Reviews hatten spezifische Fragestellungen (2-6):

  1. Eine systematische Übersichtsarbeit auf Basis von 70 Kohortenstudien mit insgesamt rund sechs Millionen Teilnehmern zu den Zusammenhängen verschiedener genereller Ernährungsmuster (z.B. „westlich“) mit unterschiedlich hohem, aber zumeist nicht präzise angegebenem Fleischanteil.
  2. Eine systematische Übersichtsarbeit auf Basis von mehr als 100 Kohortenstudien mit mehr als sechs Millionen Teilnehmern zum Einfluss eines reduzierten Fleischkonsums auf die Inzidenz und Mortalität von Krebserkrankungen.
  3. Eine systematische Übersichtsarbeit auf Basis von 55 Kohortenstudien mit 4,2 Millionen Teilnehmern zu Gesamt-Mortalität und kardiovaskulären Endpunkten.
  4. Eine systematische Übersichtsarbeit auf Basis von 12 randomisierten, kontrollierten Studien (RCTs) zu den Effekten einer fleischreduzierten Ernährung auf kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs. Hier dominierte eine Studie mit fast 49.000 Frauen stark die Ergebnisse.
  5. Eine weitere systematische Übersichtsarbeit fasst Studien zusammen, welche die Einstellungen und Präferenzen von Verbrauchern in Sachen Fleischkonsum untersuchen.

 

Die Ergebnisse dieser umfangreichen Reviews (Stand der Literaturrecherche: April 2019) unterscheiden sich nicht grundlegend von denen früherer Übersichtsarbeiten zum Thema. Die entscheidenden Unterschiede sind also nicht in der Datenbasis selbst zu finden, sondern in deren Interpretation. Die Analysen legen zwar eine Tendenz zu günstigen Effekten eines reduzierten Fleischkonsums auf die Gesundheit nahe. Doch diese sind absolut gesehen allesamt klein und basieren auf Evidenz, deren Vertrauenswürdigkeit nach dem vierstufigen GRADE-System als „niedrig“ bis „sehr niedrig“ bewertet wurde.

Nun könnte man wie frühere Empfehlungen zu dem Schluss kommen, dass nach dem Vorsorgeprinzip auch kleine, unsichere Risiken Grund genug sind, einen reduzierten Fleischkonsum zu empfehlen. Hier kommt die fünfte Übersichtsarbeit aus den Annals über Einstellungen und Präferenzen von Fleischessern ins Spiel. Sie legt nahe, dass Menschen, die Fleisch essen, dies mehrheitlich gerne und aus Überzeugung tun und sich vermutlich von der Aussicht einer geringfügigen Risikoreduzierung kaum zu einer Verhaltensänderung bewegen lassen würden.

Dies ist die schwierige Ausgangslage, auf deren Basis das 14-köpfige NutriRECS-Panel schließlich konkrete Empfehlungen für Konsumenten ableiten sollte. Die Mitglieder des Gremiums stammen aus sieben Ländern mit hohem Einkommen (weil hier ein hoher Fleischkonsum am weitesten verbreitet ist), darunter auch drei Konsumentenvertreter. Für seine Empfehlungen folgte das Panel einem strengen und transparenten Verfahren unter Verwendung des „GRADE Evidence to Recommendation framework“ (EtD) (7). Eine Mehrheit von elf Stimmen sprach sich für die „schwache Empfehlung“ aus, dass Erwachsene ihren gegenwärtigen Fleischkonsum beibehalten können. Die Entscheidung war allerdings nicht einstimmig: Drei Panel-Mitglieder, darunter auch Joerg Meerpohl, einer der Ko-Autoren dieses Beitrags sahen genug Argumente für eine – ebenfalls schwache – Empfehlung, den Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch zu reduzieren.

Beobachtungstudien: Statistisches Rauschen oder das Beste, was wir haben?

Die Diskussion ums Fleisch zeigt es einmal mehr: Obwohl weitgehende Einigkeit herrscht, dass die Ernährung eine wichtige Bedeutung für ein langes, gesundes Leben hat, und obwohl viel Geld und Aufwand in Studien gesteckt wird, die diese Zusammenhänge untersuchen, bleibt es schwierig, aus den Ergebnissen eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Das liegt in der Natur der Sache: Beim absoluten Gros der Ernährungsstudien handelt es sich um Beobachtungsstudien, in denen die Variable von Interesse (hier: der Fleischkonsum) kaum entwirrbar mit anderen Lebensstilfaktoren verbandelt ist. Wer weniger Fleisch isst, achtet vielleicht generell mehr auf einen gesunden Lebensstil, hat im Schnitt einen anderen Bildungs- und sozioökonomischen Standard und unterscheidet sich auch sonst in einer Vielzahl von Merkmalen. Manche Forscher gehen wegen dieser Limitationen soweit, Beobachtungstudien generell als weitgehend wertlos zu erachten. Ihr prominentester Vertreter ist John Ioannidis von der Stanford University in Kalifornien, der der New York Times gegenüber kürzlich ein Ende solcher Studien forderte. Es sei extrem unwahrscheinlich, dass wir im Rauschen der irreführenden Korrelationen ein starkes Signal für den Einfluss einer bestimmten Ernährung auf die Gesundheit übersehen hätten, so Ioannidis.

Beobachtungsstudien sind allerdings meist der einzig gangbare Weg, um über lange Zeiträume (zum Teil viele Jahrzehnte) Gesundheitsdaten aus dem echten Leben (sogenannte Real World Data) von großen Probanden-Populationen zu sammeln. Ihre Ergebnisse können daher durchaus wertvoll sein, um auf mögliche Zusammenhänge hinzuweisen, man denke nur an den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs, der zunächst als Korrelation in Patientendaten identifiziert wurde. Viele Forscher halten daher an der Beobachtungsstudie fest.

Die deutlich aussagekräftigere Alternative sind in vielen Bereichen der Medizin randomisierte, kontrollierte Studien (RCTs). Sie gelten zu Recht als Goldstandard der vergleichenden Evaluation von Therapiealternativen und präventiven Maßnahmen. Doch gerade im Bereich Ernährung sind sie oft wenig praktikabel. So kann man kaum eine große Zahl von Menschen nach dem Zufallsprinzip dazu verdonnern, jahrelang eine bestimmte Ernährungsweise zu befolgen, um dann nach zehn oder zwanzig Jahren zu überprüfen, woran sie erkranken oder sterben. Die Erfahrung zeigt, dass die anfängliche Begeisterung der Teilnehmer, sich an bestimmte Vorgaben zu halten, über längere Zeiträume stark nachlässt, was die Aussagekraft solcher Studien vermindert. Wenn die untersuchte Ernährungsweise zudem unter dem Verdacht steht, schädlich zu sein, wird es auch aus ethischer Sicht problematisch. Ernährungs-RCTs laufen daher häufig nur über kürzere Zeiträume.

Alternativ untersuchen viele RCTs deshalb schneller beeinflussbare Surrogat-Endpunkte wie Blutdruck oder Cholesterinspiegel. Doch hier bleibt oft fraglich, wie gut diese die eigentlich interessierenden Endpunkte repräsentieren. Auch die in RCTs idealerweise geforderte Verblindung von Studienleitern und -teilnehmern sowie der Einsatz von Placebo sind in Ernährungsstudien kaum machbar. Unter anderem aus diesen Gründen ist die Vertrauenswürdigkeit von Studienergebnissen zu Ernährungsfragen in aller Regel nur als gering bis sehr gering einzustufen – eine Bewertung, zu der das NutriRECS-Panel auch im Fall der verfügbaren RCTs und Beobachtungsstudien zum Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch kam.

Relative und absolute Risiken am Beispiel Darmkrebs

Die Vertrauenswürdigkeit von Studienergebnissen ist das eine Problem. Das andere ist die Bewertung der Effektgröße. Nehmen wir als Beispiel den oft zitierten Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Darmkrebs: Die Arbeiten in den Annals of Internal Medicine ergaben bei einer Reduktion des Fleischkonsums um drei Portionen pro Woche – relativ gesehen – ein um rund sieben Prozent geringeres Risiko für Darmkrebs – eine Größenordnung, in der auch andere Schätzungen liegen. Dabei handelt es sich allerdings um eine relative Reduzierung des Basisrisikos.

Was bedeutet das in der Praxis? Dem Krebsregister des Robert-Koch-Instituts zufolge liegt das Risiko, im Laufe des Lebens an Darmkrebs zu erkranken, in Deutschland bei etwa sechs Prozent. Eine Reduzierung dieses Basisrisikos um sieben Prozent für eine fleischreduzierte Ernährung ergibt ein neues Risiko von 5,6 Prozent im Leben an Darmkrebs zu erkranken. Oder, anschaulicher gesagt: Von 1000 Menschen erkranken normalerweise 60 irgendwann im Laufe ihres Lebens an Darmkrebs. Für die Annahme einer Reduzierung um sieben Prozent läge diese Zahl bei einer fleischreduzierten Diät bei 56, also vier weniger. Oder, nochmals anders ausgedrückt: 250 Menschen müssten dauerhaft ihre Ernährung umstellen, um einen Krebsfall zu vermeiden.

Ob das nun viel oder wenig ist, kommt ganz auf die Sichtweise an. Betrachtet man den Wert aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit, erscheint die Reduktion durchaus relevant: In Deutschland erkranken laut RKI jedes Jahr rund 60.000 Menschen an Darmkrebs. Wenn sich diese Zahl durch eine flächendeckende Reduzierung des Fleischkonsums aller 80 Millionen Deutschen um sieben Prozent reduzieren ließe, so würde dies immerhin 4.200 Krebs-Kranke weniger bedeuten – pro Jahr. Allerdings stellt das geringe Vertrauen in die Evidenzgrundlage diesen vermeintlichen Effekt in Frage – er könnte in Wahrheit sowohl größer, aber auch kleiner sein – wir wissen es einfach nicht genau.

Eine schwierige Entscheidung

Für die aktuelle NutriRECS-Studie war diese Perspektive aber ohnehin nicht entscheidend. Hier ging es von vornherein um die Entscheidung des individuellen Fleischessers. Doch ist die ungewisse Aussicht, das Darmkrebsrisiko von 6,0 Prozent auf 5,6 Prozent zu reduzieren Grund genug, um dem Durchschnittsverbraucher eine Änderung seiner Ernährungsgewohnheiten zu empfehlen? An diesem Punkt kommen die subjektiven Wertvorstellungen und Präferenzen ins Spiel, das Thema des fünften Reviews in den Annals. Sie legt nahe, dass Fleisch für viele Menschen ein wichtiger Teil ihrer subjektiven Lebensqualität ist. Die Aussichten einer Ernährungsleitlinie, an dieser Gewohnheit etwas zu ändern dürften eher gering sein, insbesondere wenn man die Unsicherheiten ehrlich und transparent kommuniziert.

Bleibt die Gretchenfrage, welche konkreten Handlungsempfehlungen man vor diesem Hintergrund formulieren soll. Der von dem NUTRIRECs-Team verwendete GRADE Evidence to Reccomendations-Ansatz sieht vier mögliche Empfehlungsstufen vor, nämlich eine starke oder schwache Empfehlung für oder gegen die untersuchte Maßnahme, in diesem Fall den Verzicht auf drei Portionen Fleisch pro Woche beziehungsweise den Beibehalt der bisherigen Gewohnheiten.

Die Mehrheit des Panels sprach sich nach ausführlicher und intensiver Diskussion für die Empfehlung zur Beibehaltung des aktuellen Fleischkonsums aus. Leider wurde diese Empfehlung in den Medien teilweise (und fälschlicherweise) so interpretiert, als hätte das NUTRIRECs-Team einen durchschnittlichen Fleischkonsum für aktiv gesundheitsförderlich erklärt oder sich gar dafür stark gemacht, mehr Fleisch zu essen. Tatsächlich kam das Gremium lediglich zu dem Schluss, dass Vertrauenswürdigkeit und Effektgröße der analysierten Evidenz in Anbetracht der Werte und Präferenzen der meisten Fleischesser nicht ausreichen, um eine Empfehlung für einen Fleischverzicht auszusprechen.

Drei Panel-Mitglieder, darunter auch ich (Joerg Meerpohl), schlossen sich dieser Empfehlung nicht an und stimmten für eine schwache Empfehlung für eine Reduktion. Meine persönlichen Gründe für diese Entscheidung sind die folgenden: (1) auch wenn es mir wichtig erscheint, die Bürger über ihre geringe individuelle Risikoreduktion aufzuklären, finde ich die vollkommene Nicht-Berücksichtigung der Public Health-Perspektive problematisch; (2) auch wenn in den Artikeln transparent beschrieben wird, dass ethische und ökologische Überlegungen keinen Eingang gefunden haben, ist ein vollständiges Loslösen einer Empfehlung von diesen Aspekten meines Erachtens nach nicht sinnvoll möglich; (3) erscheint es mir auch methodisch in Anbetracht der beiden o.g. Punkte nicht unproblematisch, auf der Basis von Evidenz mit niedriger oder sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit gängige Empfehlungen – möglicherweise vorschnell – über den Haufen zu werfen.

Was kann man nun für sich persönlich aus dieser komplexen Gemengelage mit nach Hause nehmen? Gordon Guyatt von der kanadischen McMaster-Universität, Begründer des Begriffs der evidenzbasierten Medizin und Mit-Initiator der NutriRECS-Initiative und überzeugter Pescetarier (Vegetarier, die Fisch essen) formulierte es gegenüber der New York Times so: „Bevor ich in diese systematischen Reviews involviert wurde und mir die Evidenz genau ansah, hatte ich drei Gründe, kein Fleisch zu essen – das Tierwohl, die Umwelt und die Gesundheit. Jetzt habe ich nur noch zwei Gründe, kein Fleisch zu essen.“

 

Text: Georg Rüschemeyer & Joerg Meerpohl

 

Affiliation:

Georg Rüschemeyer: Cochrane Deutschland (CDS), Freiburg

Joerg J Meerpohl: (1) Institut für Evidenz in der Medizin, Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät der Universität Freiburg (2) Cochrane Deutschland, Freiburg

 

Referenzen

1) Guyatt GH, Oxman AD, Vist GE, et al; GRADE Working Group.GRADE: an emerging consensus on rating quality of evidence and strength of recommendations. BMJ. 2008;336:924-6. [PMID:18436948] doi:10.1136/bmj.39489.470347.AD19.

2) Han MA, Zeraatkar D, Guyatt GH, et al. Reduction of red and processed meat intake and cancer mortality and incidence. A systematic review and meta-analysis of cohort studies. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10.7326/M19-0699

3) Vernooij RWM, Zeraatkar D, Han MA, et al. Patterns of red and processed meat consumption and risk for cardiometabolic and cancer outcomes. A systematic review and meta-analysis of cohort studies. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10 .7326/M19-1583

4) Zeraatkar D, Johnston BC, Bartoszko J, et al. Effect of lower versus higher red meat intake on cardiometabolic and cancer outcomes. A systematic review of randomized trials. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10.7326/M19-0622

5) Zeraatkar D, Han MA, Guyatt GH, et al. Red and processed meat consumption and risk for all-cause mortality and cardiometabolic outcomes. A systematic review and meta-analysis of cohort studies. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10.7326 /M19-0655

6) Valli C, Rabassa M, Johnston BC, et al. Health-related values and preferences regarding meat consumption. A mixed-methods systematic review. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10.7326/M19-1326

7) Alonso-Coello P, Oxman AD, Moberg J, et al; GRADE Working Group. GRADE Evidence to Decision (EtD) frameworks: a systematic and transparent approach to making well informed healthcare choices. 2: Clinical practice guidelines. BMJ. 2016;353:i2089. [PMID: 27365494] doi:10.1136/bmj.i2089

 

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Mediterrane Ernährung: herzhaft gesund?

Cochrane-Autoren nahmen sich diese Frage zu Herzen und untersuchten, ob eine mediterrane Ernährung kardiovaskulären Erkrankungen vorbeugen kann und ob sie einen positiven Einfluss auf bereits bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat. Um ihre Ergebnisse geht es in diesem zweiten Artikel unserer Serie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ auf Wissen Was Wirkt.

Unter „mediterraner Ernährung“ stellt sich jeder etwas anderes vor. Der eine träumt von Pizza, der andere von hausgemachter Pasta, der nächste denkt an frischen Fisch mit Gemüse. Die letzte Vorstellung kommt der ursprünglichen mediterranen Kost schon näher, denn in den 16 Ländern rund um das Mittelmeer wird ein vielfältiges Spektrum an unverarbeiteten Lebensmitteln verzehrt. So besteht die mediterrane Ernährung in der Regel aus viel frischem und saisonalem Obst und Gemüse, Fisch, Olivenöl, Getreide und Vollkornprodukten, Nüssen und Hülsenfrüchten.

Täglich werden größere Mengen an frischen Früchten verzehrt. Die Mengen an industriellem Zucker sind gering. So besteht der Nachtisch z. B. oft aus frischem Obst. Fisch und kaltgepresstes Olivenöl stellen die Hauptquellen für einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren dar. Diese Fettsäuren beeinflussen unsere Blutfette vermutlich in einer positiven Weise und könnten somit das Herz schützen. Milch, Milchprodukte und rotes Fleisch – die einen höheren Anteil an gesättigten Fettsäuren liefern – werden im klassischen mediterranen Ernährungsmuster seltener konsumiert (siehe auch Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen – eine neue Serie auf Wissen Was Wirkt). Darüber hinaus wird zu den Gerichten in den Mittags- und Abendstunden oftmals ein Glas Rotwein gereicht. (Details entnommen aus dem Cochrane Review).

Cochrane Evidenz zu mediterraner Ernährung und Herzgesundheit

Im Jahr 2019 untersuchten Cochrane Autoren, ob

• eine mediterrane Ernährungsweise das Entstehungsrisiko von kardiovaskulären Erkrankungen verringern (Primärprävention) oder
• eine bestehende kardiovaskuläre Erkrankung hinsichtlich ihrer Symptomatik und ihres Verlaufs positiv beeinflussen kann (Sekundärprävention).

In den Review schlossen die Autoren insgesamt 30 randomisierte kontrollierte Studien, und 7 noch laufende randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 12,461 Teilnehmern ein. Die eingeschlossenen Studien untersuchten jeweils erwachsene Studienteilnehmer, die entweder gesund waren, ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufwiesen oder bereits unter einer kardiovaskulären Erkrankung litten. Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in eine von zwei Gruppen eingeteilt. In den sogenannten Interventionsgruppen fanden entweder Ernährungsberatungen statt oder es kam zur direkten Anreichung der Ernährung mit mediterranen Nahrungsmitteln, beispielsweise mit purem Olivenöl. Die Kontrollgruppen erhielten entweder eine andere oder gar keine Ernährungsintervention.
Interventions- und Kontrollgruppen wurden mit Blick auf folgende Indikatoren (Endpunkte) vor und nach dem Beobachtungszeitraum untersucht:

• Primäre Endpunkte, wie zum Beispiel tödliche oder nicht-tödliche Schlaganfälle oder Herzinfarkte
• Oder Sekundäre Endpunkte wie Blutfette oder Blutdruckveränderungen.

Um die Wirkung der mediterranen Ernährung differenzierter untersuchen zu können, wurden die Studien merkmalsspezifisch in vier verschiedene Kategorien eingeteilt:

Mediterrane Ernährung versus keine oder geringfügige Intervention

11 Studien mit 1337 Teilnehmern untersuchten mehrheitlich gesunde Menschen, die je nach Gruppeneinteilung entweder eine mediterrane Ernährung zu sich nahmen oder sich wie bisher ernährten. Die Studien liefen zwischen drei Monaten und zwei Jahren und wurden in den USA, Italien, Spanien, Griechenland, Australien, Norwegen, und Großbritannien durchgeführt.

Mit Blick auf die primären Indikatoren unterschieden sich die Gesamtergebnisse der Interventionsgruppen nicht von den Kontrollgruppen. Bei Betrachtung der sekundären Endpunkte waren Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich des durchschnittlichen Gesamtcholesterinwerts zu beobachten. Ebenso zeigten zwei Studien, dass der durchschnittliche Blutdruck bei der Interventionsgruppe deutlich geringer ausfiel. Laut zweier Studien war das Risiko, an Diabetes Mellitus vom Typ 2 zu erkranken in der Interventionsgruppe mit mediterraner Ernährung um 29 % reduziert.

Mediterrane Ernährung versus eine andere ernährungsbezogene Intervention zur Primärprävention

Für diesen Vergleich wurden 25 Studien mit 8687 Menschen, die mehrheitlich ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufwiesen, berücksichtigt. Der Interventionszeitraum variierte je nach Studie von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Die Studien fanden in folgenden Ländern statt: Griechenland, Polen, China, Italien, Spanien, und den USA. Besonders wichtig war hier die spanische PREDIMED Studie mit 7447 Teilnehmern. Sie war auch die einzige Studie, die direkt kardiovaskuläre Endpunkte wie Herzinfarkt oder Schlaganfall betrachtete.

Die Studienteilnehmer der Interventionsgruppe hatten im Vergleich zur Kontrollgruppe ein um 40 % verringertes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Darüber hinaus gab es Hinweise auf eine geringe Reduktion der Low Density Lipoproteine und weiterer Fettsäuren (Triglyzeride) bei der Interventionsgruppe.

Mediterrane Ernährung versus gewöhnliche Sekundärpräventionsmaßnahmen

706 Studienteilnehmer in 2 Studien wiesen vor dem jeweiligen Studienbeginn eine Herz-Kreislauferkrankung auf. Der Interventionszeitraum variierte von zwölf bis 46 Monaten und die Studien wurden in Deutschland und Frankreich durchgeführt. Hinsichtlich der Wirksamkeit der mediterranen Ernährung als Maßnahme zur Sekundärprävention, untersuchte nur die Lyon Diet Heart Studie mit 605 Teilnehmern klinische Endpunkte. Ihre Ergebnisse zeigten, dass das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden bei der Interventionsgruppe geringer ausfiel als bei der Kontrollgruppe. Zudem wurde beobachtet, dass in der Interventionsgruppe generell weniger Patienten in Folge einer Herzkreislauferkrankung verstarben als in der Kontrollgruppe.

Mediterrane Ernährung versus eine andere Ernährungsbezogene Intervention, zum Zweck der Sekundärprävention

1731 Studienteilnehmer in zehn Studien wiesen vor dem jeweiligen Studienbeginn eine Herz-Kreislauferkrankung auf, welche sich oftmals bereits symptomatisch oder in klinischen Ereignissen äußerte (Angina Pectoris, Herzinfarkt). Der Interventionszeitraum variierte von drei Monaten bis zwei Jahren. Die Studien stammten aus Australien, Brasilien und Indien. Zwei Studien mit insgesamt 1472 Teilnehmern zeigten Unterschiede zwischen den Gruppen in Bezug auf das Auftreten von Herzinfarkt ohne Todesfolge, Herzinfarkt mit Todesfolge und Sterblichkeit. Da die Studien von geringer Qualität waren, bzw. eine hohe Fehleranfälligkeit aufwiesen, sind diese Ergebnisse jedoch unter Vorbehalt zu betrachten.

Und was kam unterm Strich dabei heraus?

Trotz der anfangs großen Zahl an eingeschlossenen Studien bleibt die Wirksamkeit der mediterranen Ernährung als Maßnahme zur Primärprävention und Sekundärprävention weiterhin unklar. Überwiegend sind die Studien, die die vorbeugende Wirkung der mediterranen Ernährung untersuchten, von geringer (low) bis mittelmäßiger (moderate) Qualität, wodurch die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse eingeschränkt ist. Hinsichtlich der Wirksamkeit der mediterranen Ernährung als Maßnahme zur Sekundärprävention können ebenfalls keine genauen Aussagen getroffen werden, da nur wenige Studien diese Fragestellung untersuchten – und deren Qualität als niedrig (low) oder sehr niedrig (very low) bewertet wurde.

Was bedeutet das in der Praxis?

Eine positive Wirkung der mediterranen Ernährung auf kardiovaskuläre Erkrankungen konnte in diesem Review nicht belegt werden. Unumstritten bleibt jedoch, dass sich eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung positiv auf unser Befinden und unsere Gesundheit auswirken. Da die klassische mediterrane Ernährung durch ihr breites Lebensmittelspektrum als ausgewogen gilt, spricht trotz der Ergebnisse sicher nichts dagegen, sich für einen gesunden Lebensstil an ihr zu orientieren.

Text: Maren Fendt

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Generelle Gesundheitschecks – sinnvoll oder nicht?

Die Idee von generellen Gesundheitschecks ist verlockend: wie das Auto beim TÜV wird der Körper beim Arzt oder der Ärztin auf allfällige Schäden beziehungsweise Symptome oder Risikofaktoren untersucht. Dieser Blog-Beitrag über einen aktualisierten Cochrane Review zeigt, warum solche Untersuchungen meist dennoch nicht den erhofften Effekt bieten.

Seriöse Spitäler und Arztpraxen, Krankenkassen aber auch eher dubiose Internetanbieter werben für generelle Gesundheitschecks. In einigen Ländern sind diese Teil des Gesundheitswesens, wie zum Beispiel der vom britischen National Health Service (NHS) angebotene Health Check. Auch viele Arbeitgeber* offerieren ihren Angestellten generelle Checks, um Erkrankungen und Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen. Auf der Webseite eines deutschen Privatanbieters wird auf den Punkt gebracht, was für viele Motivation zu einem solchen Check sein dürfte: „Ich will nicht glauben, dass ich gesund bin. Ich will es wissen.“ Vorsorge könne Leben retten, heisst es in diversen Angeboten.

Warnungen vor falschen Resultaten

Einige Ärzte und Forscherinnen sehen dies aber kritischer. Sie wenden ein, dass generelle Gesundheitschecks im Gegenteil sogar Schaden anrichten könnten. Die Untersuchungen können fälschlicherweise positive Untersuchungsergebnisse ergeben, die aufwändige und zum Teil risikoreiche Nachfolgeuntersuchungen nach sich ziehen. Fallen die Testergebnisse fälschlicherweise negativ aus, wähnen sich die untersuchten Personen in falscher Sicherheit und reagieren eventuell zu langsam, wenn später Krankheitssymptome auftreten.

Einige Erkrankungen, die mit den Gesundheitschecks identifiziert werden können, sind tatsächlich im Anfangsstadium vorhanden und das Ergebnis ist zurecht positiv . Aber sie würden bei den Betroffenen gar nie zu Symptomen oder anderen Folgen führen. Da dies in der Regel aber nicht unterschieden werden kann, ziehen positive Untersuchungsergebnisse weitere Abklärungen und eventuell Behandlungen nach sich, die belastend und häufig ihrerseits risikoreich sind. Die untersuchte Person sieht sich plötzlich mit einer Diagnose konfrontiert, auch wenn die Erkrankung nie zu Problemen geführt hätte. Dies kann für sie und ihr Umfeld ausserdem eine grosse psychische Belastung darstellen. So ist bekannt, dass in der ersten Woche und im ersten Jahr nach einer Krebsdiagnose die Gefahr eines Suizids deutlich erhöht ist. Auf der einen Seite steht also die Hoffnung, Erkrankungen frühestmöglich erkennen und behandeln zu können. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr von Überversorgung, d. h. unnötigen und belastenden Untersuchungen oder sogar Behandlungen.

Cochrane Studie zu generellen Gesundheitschecks

Ein dänisches Cochrane Autorenteam hat deshalb die bestehende Evidenz zum Thema analysiert. Basierend auf einem früheren Review haben die Forscher und Forscherinnen in verschiedenen medizinischen Datenbanken bis Ende Januar 2018 nach Studien gesucht, die Nutzen und Risiken von generellen Gesundheitschecks untersucht haben. Sie schlossen alle Studien in den Review ein, bei denen erwachsene Menschen zufällig in zwei Gruppen unterteilt wurden und je nach Zuteilung generelle Gesundheitschecks erhielten oder nicht. Als generell wurden die Gesundheitschecks eingestuft, wenn sie eine Reihe von Tests zur Untersuchung verschiedener Erkrankungen und Risikofaktoren wie zum Beispiel Bluthochdruck oder Übergewicht beinhalteten. Studien zu Tests, die gezielt nur eine Erkrankung untersuchten – zum Beispiel Brustkrebs-Screening -, wurden ausgeschlossen. Untersucht wurde in erster Linie die Gesamtsterblichkeit. Das Autorenteam analysierte aber auch die Sterblichkeit in Folge von einzelnen, in den Gesundheitschecks untersuchten Erkrankungen.

Insgesamt wurden 15 Studien mit rund 250 000 Teilnehmenden identifiziert. Diese verglichen eine Gruppe von Erwachsenen, denen Gesundheitschecks angeboten wurden mit einer Gruppe ohne Gesundheitschecks. Die Studien waren durchweg von hoher Qualität und wurden entweder in Allgemeinpraxen, medizinischen Zentren oder im Arbeitsumfeld durchgeführt. Sie basierten auf zwei Ansätzen: Beim einen Ansatz wurden die Teilnehmenden einer auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen fokussierten Untersuchung unterzogen und erhielten Unterstützung für eine Änderung ihres Lebensstils – etwa Ratschläge zu Ernährung und Rauchverhalten. Der andere umfasste einen breit angelegten Gesundheitscheck, meist ohne Unterstützung zur Lebensstiländerung. Elf der Studien dokumentierten die Gesamtsterblichkeit der Studienteilnehmenden. Je nach Studie wurden diese vier bis 30 Jahre nach dem Check begleitet.

Generelle Gesundheitschecks verhinderten keine Erkrankungen oder Todesfälle

In der Analyse des Cochrane Reviews zeigte sich, dass die Gesundheitschecks keinen Einfluss auf die Gesamtsterblichkeit hatten. Das Risiko, während der Studiendauer zu versterben, war für Teilnehmenden eines Gesundheitschecks gleich gross wie für jene, die keinen Gesundheitscheck erhalten hatten.

Auch auf die Sterblichkeit aufgrund von Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, jeweils allein betrachtet, hatten allgemeine Gesundheitschecks keinen Einfluss. Allerdings zeigten insbesondere die einzelnen Studien zu Herzkreislauferkrankungen stark von einander abweichende Resultate. Während eine Studie eine deutliche Reduktion der Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen ergab, stellten andere gar eine substanzielle Erhöhung in der Gruppe mit Check-ups fest.

Das Autoren-Team schätzten das Risiko, dass die Ergebnisse bezüglich Sterblichkeit während des Versuchs oder der Auswertung verzerrt wurden (Bias) , als gering ein. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz zu der Gesamtsterblichkeit und zu der Sterblichkeit aufgrund von Krebs sei hoch, jene zu der Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen moderat.

Auch der Vergleich hinsichtlich der Zahl der gefundenen Erkrankungen deutet nicht darauf hin, dass Gesundheitschecks zu mehr oder weniger Diagnosen führen. Allerdings wurden bei den Studienteilnehmenden mit Gesundheitschecks etwas häufiger Risikofaktoren wie z.B. Bluthochdruck gefunden als in der Kontrollgruppe.

Nur zwei Studien untersuchten die psychische Belastung der Studienteilnehmenden. Sie ergaben keinen Hinweis, dass die Gesundheitschecks grössere Sorgen verursacht hätten. Es bleibt jedoch unklar, ob dies für alle Arten von Check-ups gilt.

Auch wenn die generellen Gesundheitschecks wahrscheinlich keinen Schaden anrichten – so zeigen sie gemäss dem Cochrane Review auch keinen offensichtlichen Nutzen. Zwar können einzelne gezielte Untersuchungen und Tests in der Früherkennung sinnvoll sein. Zumindest bisher scheint es aber für den komplexen menschlichen Organismus keine verlässliche „TÜV-Generaluntersuchung“ zu geben.

Text: Nicole Steck

Über die Autorin:

Nicole Steck ist Epidemiologin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern. Sie forscht insbesondere im Bereich Suizid und assistierter Suizid. Daneben ist sie zur Zeit unter anderem mit dem Aufbau eines neuen Weiterbildungsstudiengangs in geschlechtsspezifischer Medizin beschäftigt und erarbeitet gemeinsam mit Kollegen die wissenschaftlichen Grundlagen zur Einführung eines Dickdarm-Screenings. Für Medizinstudierende in Bern hat sie ein Online-Quiz erstellt, das sich unter anderem mit der Interpretation und Kommunikation von medizinischen Testergebnissen sowie Nutzen und Risiken von Vorsorge-Untersuchungen befasst.

 

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen – eine neue Serie auf Wissen Was Wirkt

Kardiovaskuläre Erkrankungen sind weltweit die Todesursache Nummer Eins. Ernährung spielt hier eine grosse Rolle. So kann eine gesunde und ausgewogene Ernährung nicht nur der Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen vorbeugen, sondern hilft auch, diese zu behandeln. In unserer neuen Serie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ auf Wissen Was Wirkt stellen wir in den kommenden Monaten einige aktuelle Kernaspekte zu diesem wichtigen, uns alle betreffenden Thema vor.

Ein Stück Sahnetorte oder ein englisches Frühstücks mit saftigem Speck und Eiern wirkt sich nicht unmittelbar auf unsere Gesundheit aus. Nach dem Verzehr fühlen wir uns meist nur etwas müde und voll. Und langen oftmals bereits ein paar Stunden später schon wieder mit Appetit in eine Tüte Chips. Wir bemerken meist auch nicht – zumindest nicht bewusst – dass unser Cholesterinspiegel und Blutdruck dadurch ansteigen. Kardiovaskuläre Erkrankungen entstehen im Verborgenen und mögliche Konsequenzen unseres ungesunden Lebensstils machen sich – wenn überhaupt – meist erst Jahre später bemerkbar.

Was sind kardiovaskuläre Erkrankungen?

Kardiovaskuläre Erkrankungen sind Erkrankungen des Herzens, der Blutgefässe sowie unspezifische Schwächungen des Herz-Kreislaufsystems. Sie stellen die häufigste Todesursache weltweit dar: So konnten im Jahr 2016 rund 31 % der Todesfälle weltweit auf kardiovaskuläre Erkrankungen zurückgeführt werden. In Österreich waren es im gleichen Jahr rund 41 %, in Deutschland 37 % und in der Schweiz 31 % .

Wie entstehen kardiovaskuläre Erkrankungen?

Zu den häufigsten Herzkreislauferkrankungen zählen die koronaren Herzkrankheiten. Hierzu zählen Angina pectoris (Herzenge) und Herzinfarkt. Sie entsteht dann, wenn die Blutgefässe – sogenannte Herzkranzgefässe – die das Herz mit sauerstoffreichem Blut versorgen, durch Ablagerungen des „schlechten“ LDL-Cholesterins und Calciums verengen und verhärten (sogenannte Arteriosklerose). Hierdurch wird der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Wenn eine versorgende Arterie im Herz durch ein Gerinnsel ganz verstopft, kann dies zu einem Herzinfarkt führen. Spätfolgen einer koronaren Herzkrankheit können Herzschwäche (Herzinsuffizienz) sowie Herzrhythmusstörungen sein.

Risikofaktor Ernährung

Unser Lebensstil – einschliesslich unserer Essgewohnheiten – sind bei der Entwicklung aber auch Vorbeugung von kardiovaskulären Erkrankungen von grosser Bedeutung. Soviel wissen wir. Was aber nun genau unsere Gesundheit wie beeinträchtigt, wissen wir manchmal nicht so eindeutig. Denn sowohl die Ernährungsforschung als auch die daraus resultierenden Trends sind ständig in Bewegung. Was heute als gesund gilt kann morgen schon „Schnee von gestern“ sein. Lange hiess es zum Beispiel, dass ein zu hoher Ei-Konsum aufgrund des hohen Cholesteringehalts die koronare Herzkrankheit begünstigen könnte. Heute wissen wir, dass der Cholesterinspiegel eher genetisch bedingt ist und die Ernährung dabei eine untergeordnete Rolle spielt, bzw. dass es eher auf die Gesamternährung ankommt. Doch egal wie man es dreht und wendet, es steht fest, dass der Faktor Ernährung bei Herzkreislauferkrankungen eine große Rolle spielt.

Faktor Fett

Fett ist im Vergleich zu Kohlenhydraten und Eiweissen (Proteinen) der energiereichste Nährstoff und liefert mit 9 kcal pro Gramm mehr als doppelt so viel Energie wie Kohlenhydrate oder Eiweiss. Eine zu hohe Fettzufuhr, welche den Energieverbrauch übertrifft, geht mit Übergewicht und den mit ihr assoziierten Folgekrankheiten einher. Neben der Energiezufuhr dient Fett auch als Wärmespeicher und schützt unsere Organe – wie Herz, Gehirn und Niere. Der Hauptbestandteil von Fett sind Fettsäuren. Hierbei wird zwischen gesättigten und ungesättigten Fettsäuren unterschieden. Gesättigte Fettsäuren finden sich beispielsweise in Fleisch und Fleischprodukten, wie z. B. im Frühstücksspeck.

Bei den ungesättigten Fettsäuren wird zwischen einfach ungesättigten und mehrfach ungesättigten Fettsäuren unterschieden. Während unser Körper die gesättigten und einfach ungesättigtenFettsäuren selbst herstellen kann, müssen wir mehrfach ungesättigte Fettsäuren durch die Ernährung aufnehmen. Bei diesen wird zwischen n-6 (auch Omega-6) und n-3 (auch Omega-3) unterschieden. Während die Omega-6-Variante u. a. in Sonnenblumenkernen, Weizenkeimen, Sesam oder Nüssen vorkommen, finden sich Omega-3-Fettsäuren v. a. in fettreichem Fisch, wie Lachs, Thunfisch oder auch Algen. Omega-3-Fettsäuren sind für die normale Funktion des Herzens und des Immunsystems wichtig. Lange wurde vermutet, dass Omega-3-Fettsäuren das Risiko für Herzkrankheiten, Schlaganfall und Tod verringern.

Fett ist auch Träger der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K, die sonst nicht von unserem Körper verwertet werden können. Fettlösliche Vitamine zählen selbst zu den fettähnlichen Stoffen und können bis auf das Vitamin D nicht selbst vom Körper hergestellt werden.

Faktor Cholesterin

Cholesterin stellt einen sehr häufig diskutierten Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen dar. Es zählt – wie die fettlöslichen Vitamine – zu den fettähnlichen Stoffen und wird für den Transport im Blut an Eiweisse (Proteine) gebunden. Dadurch entstehen sogenannte Lipoproteine (Fett-Eiweiss-Verbindungen). Je nach ihrer Dichte wird zwischen High Density Lipoprotein (HDL-Cholesterin) und Low Density Lipoprotein (LDL-Cholesterin) unterschieden.

Ein hoher LDL-Wert ist mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen verbunden, da er die Ablagerung von Cholesterin an den Wänden der Blutgefässe und damit die Entstehung von Arteriosklerose begünstigt. Daher wird LDL-Cholesterin oftmals auch als „schlechtes“ Cholesterin bezeichnet. Als Folge der Ablagerung können sich Blutgefässe verengen oder vollständig verschliessen und es entsteht ein Herzinfarkt oder Schlaganfall. Eine erhöhte Zufuhr von gesättigten Fettsäuren aus tierischen Produkten wie Fleisch oder Fleischprodukten, Milch und Milchprodukten und einigen pflanzlichen Ölen, wie Kokos- und Palmkernöl, erhöht das Gesamtcholesterin und insbesondere das LDL-Cholesterin. Dadurch steigt das Risiko einer kardiovaskulären Erkrankung. Gleichzeitig reduziert sich der HDL-Spiegel im Blut.

Ein hoher HDL-Wert wirkt sich jedoch positiv auf die kardiovaskulären Erkrankungen aus. Daher wird es oft als das „gute“ Cholesterin bezeichnet. Cholesterin wird für die Bildung von Hormonen, Gallensalzen und Vitamin D benötigt. Der grösste Teil wird vom menschlichen Körper selbst produziert. Nur ein kleiner Teil muss mit der Nahrung aufgenommen werden. Cholesterin kommt insbesondere in tierischen Lebensmitteln vor.

Faktor Bluthochdruck

Ein weiterer wichtiger Risikofaktor kardiovaskulärer Erkrankungen ist ein erhöhter Blutdruck. Auch dieser wird durch unsere Ernährung beeinflusst. So erhöht ein hoher Salzkonsum unseren Blutdruck, wie beispielsweise der Verzehr von Chips, Brot, Fleisch- und Wurstwaren oder auch Käse und anderen Milchprodukten. Vor allem in sogenannten Fertigprodukten versteckt sich meist eine Menge Salz. Unbewusst nehmen wir fast das Doppelte der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Tagesdosis von 5g zu uns.

Faktor Übergewicht

Laut der WHO wird ab einem Körpermassenindex (Body Mass Index, kurz BMI) von 25 kg/m² oder mehr von Übergewicht gesprochen. Übergewicht ist ein weiterer Risikofaktor bei der Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen. Eine insgesamt zu hohe Fettzufuhr begünstigt die Entstehung von Übergewicht und Adipositas. In den deutschsprachigen Ländern waren 2016 in Deutschland 26 %, in Österreich 22 % und in der Schweiz 21 % der Menschen von Übergewicht betroffen. Übergewichtige Menschen weisen häufiger einen hohen Blutdruck auf. Aber auch Risikofaktoren wie ungünstige Blutfettwerte oder auch Diabetes treten bei ihnen häufiger auf. Hier kann sich eine geringe Gewichtsabnahme bereits positiv auf den Blutdruck auswirken.

Weitere Risikofaktoren

Neben der Ernährung können auch andere Faktoren, wie Tabakkonsum, Bewegungsmangel und Stress kardiovaskuläre Erkrankungen begünstigen. Je mehr Risikofaktoren zusammenkommen, umso höher ist das Risiko einer kardiovaskulären Erkrankung.

Präventive Ernährungsmassnahmen

Eine „falsche“ Ernährung begünstigt die Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen oder verursacht sie sogar. Aber es gilt auch der Umkehrschluss: Eine ausgewogene und gesunde Ernährung kann sich positiv auf die kardiovaskuläre Gesundheit auswirken. So zeigt sich, dass sich eine Ernährung reich an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren positiv auf die kardiovaskuläre Gesundheit auswirken kann. Das gilt auch für den vermehrten Konsum von pflanzlichen Lebensmitteln, wie Obst und Gemüse, welche unseren Körper mit wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen versorgen. Eine typisch mediterrane Diät enthält bereits viele dieser Komponenten. Ein normaler BMI zwischen 18,5 und 24,9 kg/m² sowie eine salzarme Ernährung unterstützen ebenfalls die kardiovaskuläre Gesundheit.

Die „richtige“ oder „falsche“ Ernährung kann also einiges bewirken – auch wenn wir es wohl in Bezug auf unser Herz-Kreislaufsystem nicht sofort wahrnehmen. Ob und wie sich die verschiedenen Ernährungsformen und -bestandteile, auf die Vorbeugung und Therapiemöglichkeiten bei kardiovaskulären Erkrankungen auswirken, nehmen die nächsten Blogartikel unserer neuen Serie auf Wissen Was Wirkt unter die Lupe. Dabei werden wir zu jedem Thema die aktuellsten Cochrane Reviews zu Rate ziehen. Den Abschluss bildet ein Interview mit Solange Durão, Co-Direktorin von Cochrane Nutrition.

Autoren: Anne Borchard und Andrea Puhl  

 

Zusätzliche Informationen: Viele der laienverständlichen Zusammenfassungen der Cochrane Reviews, die in dieser Blog-Serie aufgenommen werden, konnten dank der finanziellen Unterstützung der Fondation SANA von Cochrane Schweiz und Cochrane Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Cochrane Nutrition Field übersetzt werden.