Alle Teilnehmer sollten nachbeobachtet werden

Dies ist der 19. Beitrag einer Blogserie zu einer Zusammenstellung von „Schlüsselkonzepten zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen“, die im Rahmen des Informed Health Choices (IHC) Projektes erarbeitet wurden. Jeder der insgesamt 36 Blogbeiträge befasst sich mit einem der Schlüsselkonzepte, die als wichtig dafür erachtet werden, Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können.

Dass Teilnehmer aus Studien ausscheiden oder nicht nachbeobachtet werden können ist in der Forschung nichts ungewöhnliches, kann jedoch zu verzerrten Einschätzungen der Wirkung von Behandlungen führen.

Es gibt viele Gründe, warum Teilnehmer aus Studien ausscheiden oder für die Nachbeobachtung ‚verloren gehen‘ („lost to follow-up“), das heißt, fehlen [1]. Zum Beispiel ist die Teilnahme an einer Studie häufig mit einem Zeitaufwand verbunden, den einige Teilnehmer wegen anderer alltäglicher Verpflichtungen nicht einhalten können. Oder das Studienteam verliert aus irgendeinem Grund Kontakt zu Studienteilnehmern.

Wann wird die fehlende Nachbeobachtung zum Problem?

Zum Problem werden fehlende Nachbeobachtungen, wenn viele Teilnehmer „verloren gehen“, besonders wenn der Anteil der fehlenden Teilnehmer zwischen den verschiedenen Behandlungsgruppen ungleich verteilt ist [2]. Wenn zum Beispiel 75 % der Teilnehmer aus einer Gruppe und nur 15 % der Teilnehmer aus einer Vergleichsgruppe bei der Nachbeobachtung fehlen, ist ein Vergleich der Ergebnisse der verbleibenden Teilnehmer in den beiden Gruppen kein fairer Vergleich mehr.

Nehmen wir einmal an, in einer Studie wird ein neues Medikament gegen Kopfschmerzen (das „Amustriptan“ heißt) mit einem herkömmlichen Medikament verglichen, um zu bewerten, ob das neue Medikament besser gegen Kopfschmerzen wirkt als das alte. Die Teilnehmer der Studie werden gebeten, noch vor der Injektion des Medikaments sowie eine Woche und einen Monat danach einen Fragebogen auszufüllen.

Acht Prozent der Patienten, die der Behandlung mit Amustriptan zugeteilt waren, haben den letzten Fragebogen nicht ausgefüllt (fehlten bei der Nachbeobachtung), im Vergleich zu nur einem Prozent der Patienten in der Gruppe mit dem alten Medikament. Die vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass Patienten aus der Amustriptan-Gruppe nach einem Monat Behandlung im Vergleich zu den Patienten, die das herkömmliche Medikament bekommen haben, weniger Kopfschmerzen hatten. Was aber ist mit denen, die nicht nachbeobachtet werden konnten?

Irreführende Ergebnisse?

Möglicherweise haben die Patienten in der Amustriptan-Gruppe ihren Fragebogen nach einem Monat nicht ausgefüllt, weil bei ihnen die Anzahl der Kopfschmerzattacken gestiegen war, und zwar so stark, dass Sie den Fragebogen nicht ausfüllen konnten. Zum Zeitpunkt, als sie das hätten tun sollten, lagen sie mit Kopfschmerzen im Bett. In diesem Szenario lassen die fehlenden Nachbeobachtungen das neue Medikament viel besser aussehen, als es ist, da die Ergebnisse der nicht einbezogenen Teilnehmer negativ waren.

Das kann auch in die umgekehrte Richtung gehen. Die Teilnehmer in der Amustriptan-Gruppe könnten ausgeschieden sein, weil sie sich sehr viel besser fühlten. Womöglich hatten sie seit der Injektion überhaupt keine Kopfschmerzen mehr und haben sich daher entschieden, nicht länger an der Studie teilzunehmen. In diesem Falle lässt das Fehlen bei der Nachbeobachtungen das neue Medikament tatsächlich schlechter aussehen, als es ist, da die Ergebnisse der nicht einbezogenen Teilnehmer positiv waren.

Es gibt auch noch eine dritte Möglichkeit: Mitunter führen fehlende Nachbeobachtungen nicht zu irreführenden Ergebnissen [3]. Wenn in der Amustriptan-Gruppe zum Beispiel ein größerer Anteil von Teilnehmern für die Nachbeobachtung fehlten, weil der Studienkoordinator vergaß, einem zufälligen Teil der Teilnehmer den Fragebogen einen Monat nach der Injektion auszuhändigen, könnten die Ergebnisse immer noch gültig sein. Grund dafür ist, dass der Verlust für die Nachbeobachtung zufällig erfolgte und nicht auf einem Unterschied zwischen den ausgeschiedenen und den nicht ausgeschiedenen Teilnehmern beruht.

Verzerrungen durch Analysen entgegenwirken

Wissenschaftler können den Auswirkungen des Ausscheidens von Teilnehmern oder des Fehlens bei der Nachbeobachtung manchmal mit einer „Intention-to-treat-Analyse“ entgegenwirken. Das bedeutet ganz einfach, dass alle Teilnehmer, die an einer randomisierten Studie teilnahmen, in die Analyse einbezogen werden, unabhängig davon, was nach der Randomisierung (Zuteilung der Teilnehmer in Studiengruppen nach dem Zufallsprinzip) passiert ist [4].

Wie sich zeigt, ist die Thematik fehlender Nachbeobachtungen gar nicht so einfach, wie es zunächst aussieht. Manchmal sind Ergebnisse aufgrund fehlender Nachbeobachtungen scheinbar schlechter, manchmal scheinbar besser und manchmal entstehen dadurch gar keine Verzerrungen. Intention-to-treat-Analysen sind ein nützliches Werkzeug für Wissenschaftler, um Verzerrungen im Zusammenhang mit fehlenden Nachbeobachtungen zu minimieren.

Nach einer Faustregel führt ein hoher Anteil von Teilnehmern, die aus einer Studie ausscheiden, in der Regel zu einer Verzerrung der Ergebnisse [2]. Ist der Anteil dagegen gering, sind die Gründe für das Ausscheiden der Teilnehmer entscheidend dafür herauszufinden, inwiefern die Ergebnisse beeinflusst worden sind und ob die Schlussfolgerungen aus ihnen verlässlich sind [3].

Text: Ed Walsh

Übersetzt von: Katharina Jones

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Die Gruppen in einem Behandlungsvergleich sollten gleich behandelt werden

Dies ist der 16. Beitrag einer Blogserie zu einer Zusammenstellung von „Schlüsselkonzepten zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen“, die im Rahmen des Informed Health Choices (ICH) Projektes erarbeitet wurde. Jeder der insgesamt 36 Blogbeiträge befasst sich mit einem der Schlüsselkonzepte, die als wichtig dafür erachtet werden, Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können.

Nehmen Sie einmal an, Sie möchten herausfinden, ob Akupunktur eine wirksame Maßnahme zur Linderung von Rückenschmerzen ist. Sie gestalten also eine Studie, mit der Sie dieser Frage nachgehen…

In Anknüpfung an das Schlüsselkonzept 2.1 (Vergleiche sind notwendig, um die Wirkungen von Behandlungen zu ermitteln) entscheiden Sie, Akupunktur mit einer Schein-Akupunktur zu vergleichen. Bei einer Schein-Akupunktur könnten Nadeln verwendet werden, die in den Nadelschaft zurückgezogen werden anstatt die Haut zu durchstechen. Durch dieses Vorgehen können Sie sicherstellen, dass jegliche Behandlungseffekte (nützliche und schädliche) auf die echte Akupunktur-Behandlung und nicht auf andere Faktoren zurückzuführen sind.

Sie können sich jedoch nur dann sicher sein, dass Akupunktur im Vergleich zum Scheinverfahren einen Behandlungseffekt bewirkt, wenn Sie jegliche anderen Faktoren herausnehmen, die einen Behandlungseffekt beeinflussen könnten. Wie in Schlüsselkonzept 2.2 (Gruppen in einem Behandlungsvergleich müssen vergleichbar sein) beschrieben, stellen Sie also sicher, dass die Patienten* entweder der Akupunktur-Gruppe oder der Scheinakupunktur-Gruppe zufällig („randomisiert“) zugeteilt werden. Der entscheidende nächste Schritt, der nötig ist, damit Sie den Rückschluss ziehen können, dass jeglicher beobachtete Effekt auf die Akupunktur und nicht auf die mit ihr verglichene Scheinakupunktur zurückzuführen ist, ist, jede der zu vergleichenden Gruppen gleich zu behandeln, und zwar so umfassend wie möglich.

Die Gleichbehandlung der Gruppen ermöglicht den Rückschluss, dass jeglicher Behandlungseffekt auf die Behandlung (die echte Akupunktur) zurückzuführen ist und nicht auf Unterschiede in der Betreuung.

Lassen Sie uns zum Beispiel einmal die Akupunktur nicht mit der Scheinbehandlung sondern mit einer Kontrollgruppe von Rückenschmerz-Patienten auf einer Warteliste für eine anstehende Behandlung vergleichen. Jegliche Unterschiede in den Ergebnissen könnten auf Unterschiede in der Aufmerksamkeit, die jeder Gruppe zuteil wird, zurückzuführen sein, und nicht auf die Behandlung selbst. Wenn wir eine Scheinbehandlung einsetzen, um einen vergleichbaren Umfang an Betreuung und Zuwendung sicherzustellen, stellen wir möglicherweise fest, dass sich jegliche Effekte, die wir beobachtet haben, verlieren.

Eine Möglichkeit, unterschiedliche Grade an Zuwendung zwischen den beiden Studiengruppen zu vermeiden, ist es, diejenigen Personen, die die Behandlungen ausführen, unwissend („blind“) darüber zu lassen, welche Teilnehmer welcher Behandlung zugeteilt wurden. Bei der Verwendung versenkbarer Nadeln, die von echten Nadeln nicht zu unterscheiden sind, lassen die Behandler jeder Gruppe eher ein ähnliches Maß an Betreuung und Zuwendung zukommen.

Das bedeutet: Ergebnisse von Behandlungsvergleichen, bei denen die Betreuung der Teilnehmer in den Vergleichsgruppen (abgesehen von den verglichenen Behandlungen selbst) nicht auch ähnlich war, sind mit Vorsicht zu betrachten. Die Ergebnisse solcher Behandlungsvergleiche könnten irreführend sein.

Text: Jack Leahy

Übersetzt von: Katharina Jones

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Schlagworte: #Schlüsselkonzepte #Key Concepts

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

1.12 Spektakuläre Behandlungseffekte sind selten

Dies ist der zwölfte Beitrag einer Blogserie zu einer Zusammenstellung von „Schlüsselkonzepten zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen“, die im Rahmen des Informed Health Choices (ICH) Projektes erarbeitet wurde. Jeder der insgesamt 36 Blogbeiträge befasst sich mit einem der Schlüsselkonzepte, die als wichtig dafür erachtet werden, Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können.

„Durchbruch“, „Wundermittel“, „Heilmittel“ Nur wenige Behandlungen verdienen solche dramatischen Schlagzeilen. Es ist also an der Zeit, solche Behauptungen zu hinterfragen und die Wissenschaft hinter den Schlagzeilen eingehend zu begutachten. [1]

Es gibt tatsächlich Behandlungen, die spektakuläre Wirkungen erzielen…

Behandlungen mit spektakulären Wirkungen sind solche, durch die jeder (oder fast jeder) Behandelte einen Nutzen (oder Schaden) erfährt. Zum Beispiel werden erstaunliche Erfolge mit Morphinen zur Schmerzbehandlung, Insulin bei Diabetes, Adrenalin bei schweren allergischen Reaktionen und mit Bluttransfusionen bei Schock erzielt. In diesen Fällen ist der Nutzen der Behandlungen offensichtlich, tritt sofort ein und ist durchschlagend: es besteht kaum Unsicherheit über die Wirksamkeit dieser Behandlungen [2]. Weiterlesen

1.11 Erklärungen zur Wirkung von Behandlungen können falsch sein

Dies ist der Elfte einer Reihe von über 30 Blog-Artikeln, der sich auf die Schlüsselkonzepte zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen bezieht, die vom IHC-Projekt (Informed Health Choices) entwickelt wurden. Jeder Blog-Artikel erklärt eines dieser Schlüsselkonzepte, um Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können.

Sollte man Erklärungen zu Behandlungen auf den Zahn fühlen? Woher weiß man, wann man ihnen vertrauen kann?

Vielleicht haben Sie schon davon gehört, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Fischöl die Konzentration von Schulkindern steigern können (1). Vielleicht haben Sie als Frau auch schon eine Hormonersatztherapie nach der Menopause zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall angeboten bekommen (2). Weiterlesen

Die Kunst des richtigen Handelns: der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis

„Wissen ohne Handeln ist Verschwendung“ (knowledge without action is waste), so Prof. Dr. Sally Green von Cochrane Australia beim 1. Symposium der Ende 2017 gegründeten Cochrane Deutschland Stiftung, das am 01.02.2019 in Freiburg stattfand. Ein besseres Leitmotiv als diese Aussage hätte es für die Veranstaltung nicht geben können, bei der 10 nationale und internationale Referenten ihr Wissen, ihre Expertise und ihre praktische Erfahrung zum Thema Wissenstransfer von medizinischen Forschungserkenntnissen mit rund 200 Teilnehmern* anlässlich der Neugründung der Cochrane Deutschland Stiftung teilten.

Schon die inhaltliche Struktur der Veranstaltung verdeutlichte, dass zwischen der Generierung von Wissen und der Integration dieses Wissens in die Versorgung etliche Etappen liegen, die jeweils sorgfältiger Handlungen bedürfen. So fokussierten die Referentenbeiträge des ersten Teils des Symposiums auf das Thema, wie Wissen, das in Studien gewonnen wird, so gebündelt werden kann, dass es in zusammengefasster Form, d. h. in Form einer Evidenzsynthese, den größtmöglichen Nutzen für den Nutzer dieser Evidenzsynthesen darbringt. Dieser erste Schritt birgt in sich schon große Herausforderungen.

Eine dieser Herausforderungen ist, wie Dr. David Moher von der University of Ottawa in seinem Auftaktvortrag verdeutlichte, das gegenwärtige Belohnungsprinzip für viele Forscher, das (neben Faktoren wie der unbefristeten Anstellung, Beförderungsperspektiven etc.) darauf basiert, wie viele Veröffentlichungen sie in möglichst renommierten Journalen nachweisen können. Dies bringt viele Wissenschaftler zumindest in die Versuchung, ihre Forschungsarbeiten im Vorhinein so zu konzipieren, dass sie möglichst positive Ergebnisse erzielen, um überhaupt eine Chance auf Veröffentlichung in solchen Fachjournalen zu haben. Aufgrund dieser ersten Hürde für die Bereitstellung neutraler, vertrauenswürdiger und zugänglicher Forschung, stellte Moher das gegenwärtige System der Belohnung via Journal-Impact-Faktoren infrage: „We shouldn‘t use the journal impact factor as a sign of quality“ (wir sollten nicht den Impact-Faktor von Fachjournalen über die Qualität der Forschung entscheiden lassen), und weiter: „the whole field is a mess….“ (dieses ganze Feld ist ein Durcheinander….). Cochrane bezeichnete er als einen wichtigen Akteur, der international dabei helfen könnte, das Belohnungsprinzip umzukrempeln. Ein konkreter Vorschlag hierbei könnte das Befürworten eines wissenschaftlichen Curriculum Vitaes (CVs) sein, der nicht darauf ausgerichtet ist, die Anzahl von Veröffentlichungen in renommierten Journalen darzustellen, sondern andere Aspekte guter wissenschaftlicher Praxis in den Vordergrund zu stellen, darunter zum Beispiel, inwieweit sich der Wissenschaftler für die Bereitstellung und den Austausch von Studiendaten oder das Begutachten (den „Peer Review“) von wissenschaftlichen Arbeiten anderer Wissenschaftler einsetzt.

Weiter ging es mit Prof. Dr. Christopher Baethge, Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes, der die „andere Seite der Medaille“ beleuchtete und über die Bedeutung der Rolle medizinischer Fachzeitschriften bei der Dissemination von Wissenschaft sprach. Baethge legte dar, dass trotz mancher nicht unberechtigter Kritik gerade Fachzeitschriften essentiell und wichtig für den Wissenstransfer sind, da sie vor allem Menschen im Praxisalltag viel besser erreichen als beispielsweise ein nüchterner Datenaustausch: „Menschen lesen lieber eine Geschichte mit einem Spannungsbogen“, so Baethge. Zum aufkommenden Trend kontinuierlich aktualisierter Online-Lehrbücher meinte er: „insgesamt nehmen Ärzte das nicht so an, wie es vielleicht wünschenswert wäre.“ Gegenüber dem Trend des „Preprint-Publishing“, d. h. einem Service, bei dem Wissenschaftler ihre Ergebnisse bereits ‘vor der öffentlichen Veröffentlichung‘ freigeben können, wie es zum Beispiel die renommierte Zeitschrift The Lancet anbietet, war Baethge insgesamt positiv gestimmt. Doch merkte er auch an, dass viele Forscher, deren Artikel dann nicht veröffentlicht sondern vom Journal abgelehnt wird, ihren „Preprint“ auch wieder zurückziehen. Dies bedeutet, dass das neue Wissen dann wiederum nicht der Öffentlichkeit zu Verfügung steht.

PD Dr. med. Lars.G Hemkens knüpfte an den Zweifeln seiner Vorredner an. Er sieht in Registern und der Erfassung von Routinedaten eine Hoffnung, die Gesundheitsversorgung für Patienten zu verbessern. Jedoch wird das Wissen durch die Tatsache, dass viele Studien, vor allem diejenigen, die keine positiven Ergebnisse vorweisen, oftmals nicht veröffentlicht werden – auch als Publikationsbias bezeichnet – verzerrt. Deshalb „sollte man sich fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, anhand der zur Verfügung stehenden Studien und deren heterogener Ergebnisse zu diskutieren, was wirkt,“ so Hemkens. Die Nutzung von beispielsweise Routinedaten, Registerdaten oder anderen Datenquellen („Big Data“) könnten einige dieser unbekannten Lücken füllen.

Prof. Dr. Gerd Antes stellte als nächster Redner die Nutzung von „Big Data“ wiederum in einem kritischen Licht dar. Die Nutzung von Daten, die zum Teil willkürlich und unsystematisch gesammelt werden und dann häufig erst im Nachhinein für bestimmte Zwecke genutzt werden, bringt seiner Ansicht nach die Grundprinzipien der wissenschaftlichen Herangehensweise an Daten in Gefahr: „Kausalität wird durch Korrelation ersetzt, dabei wird Reproduzierbarkeit unmöglich“, so Antes. In der Evidenzpyramide (hierarchische Einstufung der Qualität verschiedener Studiendesigns, z. B. Systematischer Review, randomisierte kontrollierte Studie usw., gemäß ihrer jeweils möglichen, wissenschaftlichen Verlässlichkeit) stünden systematische Übersichtsarbeiten gerade wegen des geringeren Risikos, dass ihre Ergebnisse verzerrt sind, ganz oben. Deshalb seien Akteure wie Cochrane und die Evidenzbasierte Medizin generell, trotz ihrer Probleme und Schwächen, das geringere Übel verglichen mit der Nutzung von Big Data.

Im zweiten Teil der Veranstaltung wechselte der Fokus darauf, wie in Evidenzsynthesen zusammengefasstes Wissen in den Versorgungsalltag von Ärzten, Patienten und anderen Akteuren des Gesundheitswesens, wie zum Beispiel Leitlinienentwicklern, transferiert werden kann.

Prof. Dr. Sally Green, Co-Direktorin des australischen Cochrane Zentrums, wies darauf hin, dass das, was in der Praxis stattfinden sollte, eigentlich viel mehr ein Austausch von Wissen als ein Transfer sei. Grund sei, dass es nicht nur darum ginge, Ergebnisse mit Leitlinienentwicklern oder Endnutzern zu teilen, sondern auch darum, deren Stimmen zu hören, um zu wissen, in welchen Bereichen geforscht werden soll: „Are we doing the right review?“ (erstellen wir den richtigen Review?), wäre hier die richtige Frage. Um diese zu beantworten, müssen alle relevanten Stakeholder einbezogen werden. Erst wenn wir tatsächlich wissen, was wir machen müssen („Knowing what we needed to do“), können wir auch die Ergebnisse der Reviews in Leitlinien oder gesundheitspolitischen Maßnahmen integrieren und genau das umsetzen, was notwendig ist („Doing what we know we need to do“). Die Umsetzung dieser Maßnahmen in die Praxis muss danach wiederum evaluiert werden – insbesondere in Zusammenarbeit mit Ärzten, Gesundheitsfachpersonen und den Patienten -, um noch bestehende Wissenslücken zu identifizieren. Neue Forschung kann dann die entstanden Wissenslücken schließen. Nur dann wüssten wir, dass wir auch den richtigen Review fördern („Doing the right review“). Cochrane setzt sich deshalb zunehmend dafür ein, dass aus Wissenstransfer zunehmend Wissensaustausch wird.

Prof. Dr. Claudia Spies von der Charité – Universitätsmedizin Berlin führte diesen Punkt weiter aus und betonte, dass Patienten und deren Erfahrungen bei der Entwicklung von Leitlinien im Mittelpunkt stehen sollten. Leitlinien sind „systematisch entwickelte Aussagen, die den gegenwärtigen Erkenntnisstand wiedergeben, um Ärzte und Patienten bei der Entscheidungsfindung für eine angemessene Versorgung in spezifischen Krankheitssituationen zu unterstützen“. In Leitlinien sollten daher insbesondere diejenigen Endpunkte berücksichtigt werden, die tatsächlich für Patienten und deren Angehörige von Bedeutung sind. Mortalität stellt zwar für die Wissenschaft einen bedeutsamen Endpunkt dar, jedoch ist dieser für Patienten häufig nicht entscheidend. Patienten interessieren sich eher für ‚weichere‘ Endpunkte wie die Lebensqualität und wie sich diese durch eine bestimmte Behandlung verbessern kann. Der Fokus ändert sich oftmals auch innerhalb eines Lebens. Deshalb ist der Einbezug von Patienten und deren Erfahrungen bei der Entwicklung von Leitlinien von Bedeutung, auch wenn dies oftmals sehr zeitaufwendig ist. Für die erfolgreiche Leitlinienentwicklung und -umsetzung ist zudem wichtig, dass neben den Patienten alle weiteren von der Thematik betroffenen Fachgruppen und Interessensgruppen sowie gegebenenfalls weitere Gruppen, die an Schnittstellen benötigt werden, einbezogen werden.

Dr. Klaus Koch vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) legte den Schwerpunkt seines Vortrags ebenfalls auf die Endnutzer wissenschaftlicher Erkenntnisse und wie diese medizinische Informationen suchen und nutzen. In früheren Zeiten informierten sich Patienten hauptsächlich bei Ärzten, Therapeuten und Pflegenden über ihre Krankheiten. Heute belegt „Dr. Google“, also das Internet, oder genauer gesagt eine Suchmaschine, bereits den vierten Rang der am häufigsten genutzten Informationsquellen. Sogar Ärzte und Gesundheitsfachpersonen erhalten ihre Informationen von dort. Dabei werden ganz automatisch die ersten Suchresultate geöffnet, wobei jene, die zum Beispiel auf Seite fünf der Ergebnisliste von Google erscheinen, übersehen werden. Deshalb ist es auch so wichtig, dass gute Informationsportale wie beispielsweise „gesundheitsinformation.de“ weit oben auf der Rangliste von Google erscheinen. Dies sei insbesondere auch deshalb so wichtig, weil viele Ratsuchende gute, verlässliche und verständliche Gesundheitsinformationen suchen, diese jedoch nicht oder nur schwer finden. Und auch wenn Informationen gefunden werden, brauchen Nutzer oft Unterstützung bei der Bewertung der Informationen. Unter anderem aus diesen Gründen hat das Bundesministerium für Gesundheit das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit und im Gesundheitswesen (IQWiG) damit beauftragt, ein Konzept für ein „nationales Gesundheitsportal“ zu entwerfen. Die Idee beruht auf der Einsicht, dass kein einzelner Anbieter in Deutschland allein in der Lage ist, gute (evidenzbasierte) und qualitätsgesicherte Gesundheitsinformationen zu sämtlichen wichtigen Themen anzubieten. Deshalb sollen sich verschiedene Stakeholder – wie möglicherweise auch Cochrane – an dem geplanten Portal beteiligen. Im Mittelpunkt der Informationsangebote sollen dabei der Patient und seine Bedürfnisse stehen. Das Portal, dessen Inhalte voraussichtlich im Jahr 2020 entwickelt werden sollen, soll allerdings keineswegs einen Dialog mit dem Arzt oder der Gesundheitsfachpersonen ersetzen. Vielmehr soll es Patienten alle Informationen bieten, die sie im Zusammenhang mit ihrem Krankheitszustand benötigen, um gemeinsam mit dem Arzt eine für sie gute Entscheidung treffen zu können.

Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages von Deutschland, stellte als nächster Redner ebenfalls den Wissensaustausch und Dialog mit dem Patienten in den Vordergrund, dies jedoch unter einem anderen Blickwinkel. Ein guter Arzt, so Wissing, sollte aktuelle Forschungsergebnisse in seine Patientenbehandlung integrieren. Umgekehrt sollten auch die Erfahrungen, die aus Behandlungen gewonnen werden, sowie die Beobachtungen im Praxisalltag an einzelnen Patienten wieder zurück in die Forschung fließen. Damit das gelingen kann, müssten Studierende noch mehr wissenschaftliche Kompetenzen im Studium erlernen. Dies kommt in den Lernzielkatalogen der Medizin-Curricula jedoch tendenziell zu kurz. Damit der Wissenstransfer von der Theorie in die Praxis und umgekehrt besser funktionieren kann, muss der Ausbildung von Kompetenzen in wissenschaftlichem Arbeiten bereits im Studium ein höherer Stellenwert gegeben werden. Auch muss den Studierenden mehr Zeit für die praktische wissenschaftliche Arbeit eingeräumt werden.

Auch Dr. Jeremy Grimshaw von der University of Ottawa betonte, dass der Transfer von der Theorie in die Praxis nicht ausreichend erfolgt. Die Folge hiervon sei, dass bis zu 40 % der Patienten nicht diejenige Behandlung mit nachweisbarer Wirkung erhalten. Zudem erhielten bis zu 25 % der Patienten unnötige oder sogar potenziell schädliche Behandlungen. Dies zeigt deutlich, so Grimshaw, wie wichtig der Wissenstransfer für die Optimierung der Pflege, Behandlungserfolge und die Kosten der Gesundheitssysteme ist.

Zu guter Letzt sprach Prof. Dr. Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Direktor der Cochrane Deutschland Stiftung und Direktor des Instituts für Evidenz in der Medizin (IfEM), über die Entwicklung von Cochrane Deutschland seit der Gründung im Jahr 1999 bis hin zur neuen Cochrane Deutschland Stiftung. Der Weg war lang, gekennzeichnet durch viele Chancen und Herausforderungen, verbunden mit Unsicherheit bezüglich der Finanzierung des Zentrums. Aus dem ehemaligen Deutschen Cochrane Zentrum sind Ende 2017 zwei Institutionen hervorgegangen: das Institut für Evidenz in der Medizin (IfEM), das sich akademisch-wissenschaftlichen Arbeiten widmet, und die neue Cochrane Deutschland Stiftung, die die Kernaufgaben eines nationalen Cochrane-Zentrums, und insbesondere die Aufgabe des Wissenstransfers übernimmt. Meerpohl verdeutlichte, dass dieser zukünftig eine wesentlich größere Rolle in den Aktivitäten von Cochrane Deutschland spielen soll. Dank der neuen, längerfristig gesicherten Finanzierung der neuen Cochrane Deutschland Stiftung durch das Bundesministerium für Gesundheit dürfte dieser Weg nun leichter begehbar sein.

 

Verabschiedung von Gerd Antes nach mehr als 20 Jahren Einsatz für Cochrane Deutschland durch langjährige Kollegin Anette Blümle.

Aufgrund des grossen Interesses und der positiven Erfahrungen mit dem 1. CDS-Symposium ist zukünftig von weiteren Symposien auszugehen. Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Veranstaltung.

Text: Andrea Puhl und Anne Borchard

 

Mehr Informationen:

Vorträge der Referenten*

Bio-Sketches der Referenten*

 

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.