Calciumgabe gegen Bluthochdruck (Präeklampsie) in der Schwangerschaft?

„Ich konnte mich kaum bewegen, da mein Körper so viel Wasser eingelagert hatte (…) das war teilweise unerträglich. Dann hatte ich aufgrund des viel zu hohen Blutdrucks Kopfschmerzen und habe mir um mein Baby große Sorgen gemacht. Ich hatte gehofft, die Geburt noch ein paar Wochen hinauszögern zu können, aber die Chancen standen nicht gut, da es mir schnell schlechter ging. In Woche 34 – seit zwei Wochen wurde ich bereits stationär betreut – wurden die Herztöne schlechter und mein Körper war kurz davor aufzugeben, sodass mein Baby mit Kaiserschnitt geholt werden musste“ (Erfahrungsbericht, Matilda, 30).

In Deutschland erleiden 6 bis 8 von 100 schwangeren Frauen eine Präeklampsie – eine mit Bluthochdruck verbundene Schwangerschaftserkrankung, welche für Mutter und Kind zu den gefährlichsten Schwangerschaftskomplikationen zählt. Präeklampsie kann bei Frauen ab der 20. Schwangerschaftswoche beginnen und führt zu einem erstmalig auftretenden, d.h. schwangerschaftsinduzierten Bluthochdruck (Blutdruckwerte ≥140/90 mmHg). Zudem ist Präeklampsie dadurch gekennzeichnet, dass größere Mengen an Eiweißen über den Urin (>300 Milligramm in 24 Stunden) ausgeschieden werden. Deutliche Symptome, die von werdenden Müttern während einer Präeklampsie erlebt werden, sind: Wassereinlagerungen (Ödeme), Kopfweh, Augenflimmern und Schmerzen im Oberbauch.

Bis heute ist die Ursache einer Präeklampsie unklar, sodass – mit Ausnahme einer frühzeitigen Entbindung – noch keine Therapie existiert. Eine frühzeitige Entbindung (zwischen 24. und 36. Schwangerschaftswoche) des Kindes ist indiziert, wenn eine Eklampsie (Symptomenkomplex mit auftretenden Krampfanfällen) droht oder die Folgen wie z.B. starke Wachstumsstörungen des Kindes oder nicht therapierbare Organkomplikationen (z.B. Niereninsuffizienz) der Mutter als schwerwiegend eingeschätzt werden.

Ergebnisse mehrerer Beobachtungsstudien führten Ende des 20. Jahrhunderts zur Hypothese, dass eine ernährungsbedingte ausreichende oder erhöhte Zufuhr von Calcium die Entstehung der Präeklampsie verhindern oder ihren Verlauf zumindest positiv beeinflussen könnte.

Was ist Calcium?

Calcium ist ein lebenswichtiger Mineralstoff, den der Körper in großen Mengen benötigt. Er stabilisiert die Knochen, Zähne sowie Zellwände und spielt eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung. Darüber hinaus ist Calcium an der Signalübermittlung in der Zelle sowie an der Reizweiterleitung von Signalen im Nervensystem beteiligt.

Die empfohlene Tageszufuhr ist altersabhängig. Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren benötigen mit 1.200 mg pro Tag am meisten Calcium, wegen des starken Wachstums. Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren benötigen ca. 1.100 mg pro Tag und für Erwachsene beträgt die empfohlene Calciumzufuhr etwa 1.000 mg pro Tag.

Cochrane Review

Die Cochrane Autoren* untersuchten, ob eine hohe Tagesdosis (1.000 mg oder mehr) oder geringere Tagesdosen (weniger als 1.000 mg) Calcium das Risiko, einen schwangerschaftsinduzierten Bluthochdruck (Hypertonus) oder eine Präeklampsie zu erleiden, verringert.

Studienmerkmale

In die systematische Übersichtsarbeit wurden 27 randomisierte, kontrollierte Studien eingeschlossen, die sich hinsichtlich der verbreichten Tagesdosis Calcium und den Charakteristika der Kontrollgruppen (z.B. Placebo, keine Therapie, eine andere Therapie) unterschieden.

Hohe Tagesdosis Calcium (1.500 bis 2.000 mg) vs. Placebo (Scheinmedikament)

Von den 27 eingeschlossenen Studien untersuchten 13 (eine Studie lieferte keine Daten), inwiefern sich eine hohe Tagesdosis (1.500 bis 2.000 mg) Calcium – meist in Tablettenform verordnet – auf das Risiko der Studienteilnehmerinnen (n = 15,730) auswirkt, schwangerschaftsinduzierten Bluthochdruck, Präeklampsie und/oder mögliche Folgen dieser Erkrankungen zu erleiden. Alle Studienteilnehmerinnen waren schwanger, viele wiesen ein niedriges Erkrankungsrisiko für Präeklampsie (n = 15,143) und aufgrund ihrer ethnischen Herkunft eine calciumarme (< 600 mg pro Tag) Ernährung auf (n = 10,678). Den Kontrollgruppen aller 14 Studien wurden Placebos – Tabletten, die kein Calcium enthalten, aber äußerlich nicht von Calciumtabletten zu unterscheiden sind – verabreicht.

Niedrige Tagesdosis Calcium (<1.000 mg) vs. Placebo / keine Therapie

Zwölf der 27 eingeschlossenen Studien untersuchten, wie sich eine niedrige Tagesdosis (weniger als 1.000 mg) Calcium auf Risiko der Studienteilnehmerinnen (n = 2,334) auswirkt. Während vier der eingeschlossenen Studien den alleinigen Effekt von Calcium untersuchten, kombinierten die anderen Studien das täglich verabreichte Calcium mit anderen Substanzen wie Vitamin D, Antioxidantien oder Linolsäure. Die Charakteristika der Kontrollgruppen variierten ebenfalls. In fünf Studien wurden Placebos verabreicht, in einer weiteren Studie wurde Aspirin gegeben, in vier Studien erhielt die Kontrollgruppe keine Therapie und eine weitere Studie beschrieb die Kontrollgruppe nicht näher.

Hohe Tagesdosis Calcium (≥1.000mg) vs. geringe Tagesdosis (<1.000mg)

Eine der 27 eingeschlossenen Studien verglich die Wirkung einer hohen Tagesdosis (2.000 mg) mit einer niedrigen Tagesdosis (500 mg) Calcium. Die Studienteilnehmerinnen wiesen einen niedrigen sozioökonomischen Status auf, waren höchstens in der 34. Schwangerschaftswoche und hatten zu Studienbeginn einen normalen Blutdruck (120/80 mmHg).

Die Studien wurden in der klinischen Umgebung (ambulant oder stationär) in Ländern rund um den Globus durchgeführt.

Um die Wirksamkeit der jeweiligen Calciumdosis messen zu können, wurden die Teilnehmerinnen während und nach Durchführung der Behandlung hinsichtlich folgender Indikatoren untersucht:
(1) schwangerschaftsinduzierter Bluthochdruck; diastolischen Blutdruck von ≥ 90 mmHg, einen während der Schwangerschaft auftretenden systolischen Anstieg von ≥ 30 mmHg oder einen diastolischen Anstieg von ≥ 15 mmHg
(2) Präeklampsie: schwangerschaftsinduzierter Bluthochdruck und eine ausgeschiedene Proteinmenge von ≥ 300 mg pro 24 Stunden oder 500 mg pro Liter.
(3) Frühgeburt des Kindes
(4) Verlegung des Neugeborenen auf die Intensivstation
(5) Totgeburt oder Versterben des Kindes während des Krankenhausaufenthalts

Ergebnisse

Hohe Tagesdosis Calcium (1.500 bis 2.000 mg) vs. Placebo

Mit Blick auf den schwangerschaftsinduzierten Bluthochdruck konnte anhand von 12 Studien (n = 15,470) gezeigt werden, dass ein hohe Calciumgabe das Risiko in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Placebo-Gruppe um ca. 35% (RR: 0,65 95% KI 0,53-0,81) verringert hat. Die Ergebnisse von 13 Studien beschrieben, dass das Risiko der Interventionsgruppe, Präeklampsie zu erleiden, im Vergleich zur Placebo-Gruppe ebenfalls um 55% vermindert werden konnte (RR: 0,45, 95% KI 0,31- 0,65). Diese Effekte konnten allerdings nur bei den Studienteilnehmerinnen festgestellt werden, die vor Studienbeginn eine calciumarme Diät (< 600 mg Calcium pro Tag) aufwiesen. Elf Studien berichteten darüber hinaus, dass das Risiko, eine Frühgeburt zu erleiden im Vergleich zur Placebo-Gruppe um 24% reduziert war (RR: 0,76, 95% KL 0,60 – 0,97). Bezüglich der anderen Outcomes wurden keine Unterschiede zwischen den Gruppen festgestellt. Die Effekte der hohen Calcium-Tagesdosis waren bei Frauen ausgeprägter, die vor Studienbeginn bereits eine calciumarme Ernährung oder ein hohes Risiko für Präeklampsie aufwiesen.

Niedrige Tagesdosis Calcium (<1.000 mg) vs. Placebo / keine Therapie

Zwölf der eingeschlossenen Studien (n=2334) untersuchten den Effekt einer niedrigen Tagesdosis von Calcium allein (4 Studien), in Kombination mit Vitamin D (5 Studien), Linolsäure (2 Studien) oder Antioxidantien (1 Studie). Die Ergebnisse von 5 Studien (n=665) zeigten, dass eine niedrige Tagesdosis Calcium in der Interventionsgruppe das Risiko, einen schwangerschaftsinduzierten Bluthochdruck aufzuweisen, um 47% (RR: 0,53, 95% KI 0,38-0,74) reduzierte. Gemäß neun Studien (n= 2234) führte eine niedrige Dosis darüber hinaus auch zu einer Verringerung des Risikos um 62% (RR: 0,38, 95% KI 0,28-0,52), Präeklampsie zu erleiden. Die Neugeborenen der Frauen in der Interventionsgruppe im Vergleich zu jenen in der Kontrollgruppe nur etwa halb so oft in die Intensivstation (RR: 0,44, 95% KI 0.20 – 0.99) verlegt. Keine Unterschiede zwischen den Gruppen wurden in Bezug auf das Auftreten von Frühgeburten oder Totgeburten festgestellt. Da die meisten Studien Frauen mit einem hohen Risiko für Präeklampsie rekrutierten und eine hohe Fehleranfälligkeit aufwiesen, sind ihre Ergebnisse unter Vorbehalt zu interpretieren und nur eingeschränkt auf andere Patienten übertragbar.

Hohe Tagesdosis Calcium (≥1.000mg) vs. geringe Tagesdosis (<1.000mg)

Die Ergebnisse dieser Studie (n = 262) zeigen, dass eine hohe Tagesdosis Calcium das Risiko, Präeklampsie zu erleiden, im Vergleich zu einer niedrigeren Dosis deutlich verringert (RR 0,42, 95% KI 0,18 – 0,96). Hinsichtlich der anderen Indikatoren wurden keine Unterschiede zwischen den Gruppen gefunden.

Fazit:

Eine hohe Tagesdosis an Calcium (≥ 1.000mg) konnte das Risiko, an Präeklampsie zu erkranken oder eine Frühgeburt zu erleiden, bei Frauen verringern, die zum Studienbeginn eine calciumarme Ernährung aufwiesen. Eine geringere Tagesdosis Calcium führte ebenfalls zu einem selteneren Auftreten von schwangerschaftsinduziertem Bluthochdruck und/oder Präeklampsie und konnte das Risiko der Verlegung des Neugeborenen auf die Intensivstation reduzieren. Diese Ergebnisse müssten allerdings durch größere und qualitativ hochwertigere Studien bestätigt werden, da die Cochrane-Autoren die Qualität der Evidenz als niedrig einschätzten.

Text: Maren Fendt

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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