Aus Mangel an Beweisen – was tun mit widersprüchlicher Evidenz?

Widersprüchliche Evidenz begegnet uns in den meisten Forschungsgebieten. Hypothesen werden aufgestellt und wieder verworfen oder durch neue Hypothesen ersetzt. Leider betreffen unterschiedliche oder gegensätzliche Schlussfolgerungen nicht nur Forscher in ihrem Elfenbeinturm, sondern können, im wahrsten Sinne des Wortes, schwerwiegende Konsequenzen für alle haben.

Theorie trifft Praxis

Fast täglich werden Bürger, Patienten, Ernährungsberater, Ärzte und politische Entscheidungsträger mit neuen Studienergebnissen konfrontiert, die für die eine oder andere Richtung sprechen. Heute so, morgen so. Die daraus entstehende Verwirrung kann leicht in Resignation umschlagen. Man weiß nicht mehr, was man glauben soll, oder was richtig ist. Ein Beispiel: Bezüglich der Zuckeraufnahme durch Softdrinks, gibt es (mindestens) zwei Aussagen. Hier die vereinfachte Version: Softdrinks machen dick (Am J Clin Nutr. 2014 Jul;100(1):65-79) und Softdrinks machen nicht dick (BMJ 2013;346:e7492).

Beides wurde durch Reviews belegt. Auch die WHO präsentierte eine Leitlinie zur Zuckeraufnahme, unter anderem durch Softdrinks. Trotzdem erschweren gegensätzliche Informationen nicht nur persönliche und politische Entscheidungen.

Widersprüche

Die Evidenz zu einer Fragestellung wird an Politiker häufig durch Berater herangetragen, zum Beispiel durch Wissenschaftler, Gutachter, oder Interessenvertreter – um nicht zu sagen Lobbyisten. Die Informationen, die diese Berater präsentieren, neigen jedoch in die eine oder andere Richtung, vernachlässigen gegenteilige Ergebnisse und sind dadurch nicht objektiv. Dass es widersprüchliche Evidenz gibt wird häufig nicht präsentiert.

Oder klüger noch, die Widersprüche werden absichtlich hervorgehoben, um Entscheidungen zu verzögern und zu verhindern. Grund für die einseitige manchmal intransparente Darstellung sind häufig Interessenkonflikte, so geschehen bei o.g. Richard A. Forshee, dessen Meta-Analyse durch die American Beverage Association unterstützt wird und der einschlägig gegen die dick-machende Wirkung von Softdrinks argumentiert.

Neuer Versuch

Nachdem die EU-weite Einführung der Lebensmittelampel angeblich an der Lebensmittelindustrie gescheitert ist, startet international möglicherweise bei einem weiteren Thema ein Kräftemessen der Evidenz: die Softdrink-Steuer. Es wird mehr Geld für gesüßte Getränke verlangt, um das Konsumverhalten und damit auch die Gesundheit zu verbessern. In Mexiko bereits eingeführt, in den USA debattiert, und nun schwappt der Diskurs nach Europa über. Die Bandbreite der evidenz-basierten Aussagen dazu ist bereits oben angedeutet. Welche Evidenz wird in diesem Fall als Grundlage für Entscheidungen herangezogen?

Cochrane positioniert sich in diesem Spagat durch grundsätzlich unabhängige Evidenz. Kein Review, kein Mitarbeiter, kein Zentrum etc. darf durch die Industrie unterstützt werden. Daraus ergibt sich eine Zusammenfassung der Evidenz, die transparent und objektiv ist. Die Reviews kommen nicht nur zu Ergebnissen in Bezug auf Nutzen und Schaden einer Intervention, sondern auch zu Aussagen über die Verlässlichkeit der Ergebnisse.

Diese wird studienbezogen durch das Cochrane Risk of Bias Tool festgestellt und liefert dem Leser Informationen darüber, wie viel Vertrauen er in das Ergebnis der Wirksamkeit haben kann. Durch die Bestimmung des Risikos für Bias wird auch nach möglichen Ursachen für die Widersprüche in der Evidenz gesucht. Das macht Cochrane Reviews zu einer guten Grundlage für politische aber auch persönliche Entscheidungen. Nichts desto trotz, können selbst nach der Erstellung eines Reviews Widersprüche zu einer Fragestellung bestehen bleiben. In diesen Fällen ist weitere Forschung notwendig.

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