Anekdoten sind kein zuverlässiger Wirksamkeitsbeleg

Dies ist der zweite einer Reihe von 34 Blog-Artikeln, der sich auf die Schlüsselkonzepte zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen bezieht, die vom IHC-Projekt (Informed Health Choices) entwickelt wurden.

Personen können ganz unterschiedlich auf die gleiche Behandlung reagieren…

Jeder Mensch ist einzigartig. Unterzieht sich ein Mensch einer medizinischen Behandlung oder Intervention , so kann sich die Interaktion zwischen seinem Körper und der Behandlung entweder als gesundheitsfördernd oder als schädlich erweisen. Diese Interaktion zwischen Körper und Behandlung könnte bei der einen Person deutlich anders aussehen als bei der anderen, auch wenn es sich um die gleiche Behandlung handelt.

Deshalb sind persönliche Erfahrungen und Anekdoten auch unzuverlässige Formen von Evidenz. Wenn wir Untersuchungen an einer einzigen Person durchführen, können wir nicht sicher sein, ob die Wirkungen der Behandlung nicht von der zufälligen Variation im Körper dieser Person abhängen. Daher müssen wir Behandlungen an einer großen Menge an Personen testen. Je mehr Personen untersucht werden, desto unwahrscheinlicher ist, dass unterschiedliche körperliche Faktoren die Ergebnisse beeinflussen.

Menschen neigen dazu, einen Zufall mit Ursache und Wirkung gleichzusetzen…

Es ist durchaus möglich, dass eine einzelne Wirkung während einer Behandlung bei einer Person überhaupt nicht wegen der Behandlung auftritt. (Dies werden wir in einem späteren Blogeintrag diskutieren. Schlüsselkonzept 1.3: Assoziation ist nicht dasselbe wie Kausalität).

Zum Beispiel ist es möglich, dass eine Person eine Erkältung entwickelt. Erkältungen dauern im Schnitt 7 Tage. Trotz der Evidenz, dass Antibiotika wahrscheinlich gegen eine Erkältung unwirksam sind, könnte es sein, dass die Person am 5. oder 6. Tag der Erkrankung anfängt, ein Antibiotikum einzunehmen und die Erkältung am 7. Tag nachlässt. Wir wissen, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Person wegen des Antibiotikums gesund wurde, da Erkältungen virale Infektionen sind und Antibiotika Bakterien behandeln. Die Person könnte allerdings glauben, dass das Antibiotikum der Grund für die Besserung war. Tatsächlich wären sie wahrscheinlich ohnehin genesen, auch ohne Medikation.

Hier gilt auch der Umkehrschluss: Angenommen, eine Person nimmt ein Arzneimittel, welches laut Forschung nicht häufig mit unerwünschten Wirkungen in Verbindung gebracht wird. Falls die Person zufällig am ersten Tag, an dem sie das Mittel nimmt, eine Migräne entwickelt, könnte sie annehmen, dass das Mittel die Migräne verursacht hat und die Behandlung abbrechen.

Es sind nicht nur Patienten*, die diesem Fehler verfallen. Es gibt viele Beispiele, wo Ärzte ein Mittel verschreiben, das für ein bestimmtes Leiden nicht zugelassen ist, nur weil sie schon einmal sahen, wie es bei anderen Patienten wirkte. Dieses Vorgehen zeigt Ignoranz gegenüber möglichen Schäden der Behandlungen, die ohne angemessene Untersuchungen unbekannt sind (siehe Schlüsselkonzept 1.1: Behandlungen können schaden).

Das Beispiel Diäthylstilböstrol (DES)

DES erlangte in den frühen 1950ern Beliebtheit. Es wurde angenommen, dass es eine Funktionsstörung der Plazenta verbessern kann, von der geglaubt wurde, dass sie Fehl- und Totgeburten verursachte. Jene, die es einnahmen, wurden durch Anekdoten von Frauen mit vorherigen Fehl- und Totgeburten ermutigt, die nach einer Behandlung mit DES ein lebendes Kind gebaren.

Zum Beispiel verschrieb ein britischer Kinderarzt nach Besprechungen mit einer schwangeren Frau, die zwei Totgeburten erlebt hatte, das Mittel ab der frühen Schwangerschaft. Die Schwangerschaft endete mit der Geburt eines lebenden Babys. Mit der Begründung, dass die natürliche Kapazität der Frau, erfolgreich Kinder zu kriegen, über Zeit verbessert wurde, verschrieb der Arzt während der vierten Schwangerschaft kein DES. Das Baby starb im Mutterleib aufgrund von Plazentainsuffizienz.

Demensprechend waren der Arzt und die Frau während ihrer fünften und sechsten Schwangerschaft überzeugt, dass DES wieder gegeben werden sollte. Die Schwangerschaften endeten beide mit lebenden Babys. Sowohl der Arzt als auch die Frau schlossen daraus, dass DES ein nützliches Mittel sei.

Leider basierte diese Schlussfolgerung auf einer Anekdote und wurde in angemessenen Untersuchungen mit großen Stichproben nie als korrekt erwiesen. Im gleichen Zeitraum, in dem die Frau ihre Behandlungen erfuhr, wurden Studien ohne systematische Fehler und mit sehr vielen Teilnehmern durchgeführt, die keine Evidenz für einen solchen Nutzen von DES fanden [1].

Zwanzig Jahre später kam Evidenz zu schädlichen Nebenwirkungen auf, als die Mutter einer jungen Frau mit einer seltenen Krebserkrankung der Vagina eine sehr wichtige Beobachtung machte: Der Frau war während der Schwangerschaft DES verschrieben worden und sie äußerte die Vermutung, dass das Mittel den Krebs ihrer Tochter verursacht haben könnte [2]. Diesmal erwies sich die Beobachtung als richtig. Noch wichtiger aber war, dass dies anhand von systematischer Forschung belegt werden konnte, die Stichproben einer großen Anzahl von Teilnehmern anstelle von einer oder zwei Personen berücksichtigte.

Fazit

Man kann natürlich nicht unbedingt sagen kann, dass eine große Anzahl übereinstimmender Anekdoten keine signifikante Aussagen über eine Behandlung machen können. Im Vereinigten Königreich [wie z. T. auch in Deutschland] ist das ganze System zur Berichterstattung von Nebenwirkungen eines Arzneimittels tatsächlich abhängig von der Sammlung von Patientenanekdoten. Aber um beurteilen zu können, ob Behandlungen sicher und wirksam sind sollten sie ihm Rahmen angemessener Vergleichsverfahren gründlich untersucht werden. Ohne diese Untersuchungen haben wir keine Ahnung, ob das, was wir verschreiben (oder verschrieben bekommen), eine Person umbringen oder ihr Leben retten könnte.

Text: John Castle
Englischer Originalartikel

Übersetzt ins Deutsche von: Annika Wenzel

 

Link zu deutschem Video auf Students4bestEvidence

Referenzen

[1] Chalmers I. Evaluating the effects of care during pregnancy and childbirth. In: Chalmers I, Enkin M, Keirse MJNC, eds. Effective care in pregnancy and childbirth. Oxford: Oxford University Press, 1989:3-38.
[2] Ulfelder H. The stilbestrol disorders in historical perspective. Cancer 1980:45-3008-11.

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