ADHS Medikamente: Methylphenidat als Symptom-Hemmer?

Der Arzneistoff Methylphenidat, der hinter Markennamen wie Ritalin steckt, kann Symptome wie Hyperaktivität, Impulsivität und Konzentrationsstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) verringern. Begleiterscheinungen wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen sind jedoch leider keine Seltenheit. Bisher waren langfristige Risiken und der Nutzen des Wirkstoffes relativ unklar. Ein neuer Cochrane Review hat sich nun genau diesem Thema angenommen.

Methylphenidat ist der Wirkstoff, welcher bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS am häufigsten verschrieben wird. Jedoch machte schon ein in 2016 veröffentlichter Beitrag auf ‘Wissen Was Wirkt‘ deutlich, dass die Risiken und der Nutzen des ADHS-Medikamentes unklar sind, vor allem langfristig: „Methylphenidat hilft zwar, die Hauptsymptome, also Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen zu verringern, doch wie groß der Nutzen des Medikaments langfristig tatsächlich ist, kann nicht gesagt werden“, so das Fazit des Beitrags, welches sich auf einen Cochrane Review aus dem Jahr 2015 bezog.

Was ist Methylphenidat und wie häufig wird es angewendet?

Der Arzneistoff Methylphenidat blockiert die Wiederaufnahme von Dopamin in den Nervenzellen des Gehirns und entfaltet somit seine aktivierende Wirkung. Die Anwendung von Methylphenidat ist nicht neu. Schon seit mehr als 50 Jahren wird Methylphenidat angewandt, um die Symptome einer exzessiven Hyperaktivität und Impulsivität zu dämmen und die Aufmerksamkeit oder Fokussierung bei Kindern und Jugendlichen zu steigern. Die Anwendung vom Arzneistoff Methylphenidat ist weit verbreitet:

• Etwa 8 von 100 Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren weltweit und
• Zwischen 3-5 von 100 Kindern und Jugendlichen in Europa.

Während die Verordnungsrate weltweit insgesamt immer noch ansteigt, fällt sie in einigen Ländern langsam, darunter auch seit 2012 in Deutschland. Dennoch ist Methylphenidat das weltweit meist angewandte Medikament bei ADHS.

Wirksamkeit von Methylphenidat

Die Wirksamkeit von Methylphenidat wurde schon in vielen Studien untersucht. Laut den Gesundheitsinformationen des IQWIG zeigen Studienergebnisse, dass das Mittel die Hyperaktivität bei Kindern abschwächen und die Aufmerksamkeit verbessern kann.

(Quelle Infographik: gesundheitsinformation.de)

Neue Cochrane Evidenz untermauert so manche Besorgnis

Ein neuer Cochrane Review, der im Mai 2018 veröffentlicht wurde, befasste sich mit der Frage, ob die Anwendung von Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS mit schädlichen Wirkungen verbunden ist. Die Autoren* schlossen 260 hauptsächlich nicht-randomisierte Studien von unterschiedlichem Design, wie vergleichende und nicht-vergleichende Kohortenstudien, Patientenberichte etc., in den Review ein. Was kam dabei raus?

Unerwünschte Ereignisse

Das zusammengefasste Ergebnis aller im Review eingeschlossenen Studien deute darauf hin, dass die Gabe von Methylphenidat zu schwerwiegenden, unerwünschten Ereignissen,  einschließlich Tod, Herzproblemen und psychotischen Störungen, führen könnte. Etwa eines von hundert Kindern und Jugendlichen schien an einem schwerwiegenden unerwünschten Ereignis zu erkranken. Zudem untersuchten die Autoren auch die Häufigkeit, mit der leichtere, unerwünschte Ereignisse eintraten. Diese äußerten sich unter anderem als Herzkreislaufprobleme, Schlafstörungen und Wachstumsstörungen. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, die Methylphenidat erhielten, schienen ein oder mehrere leichtere, unerwünschte Ereignisse zu erleiden.

Niedrige Studienqualität schwächt die Aussagekraft der Ergebnisse

Wie immer untersuchten die Cochrane Autoren auch die Qualität der eingeschlossenen Studien, um eine genauere Aussage darüber treffen zu können, wie verlässlich die Ergebnisse letztendlich sind. Leider wurde die Studienqualität generell zwischen sehr niedrig bis niedrig eingestuft:

„Dementsprechend ist es nicht möglich, die Risiken für unerwünschte Ereignisse bei Kindern und Jugendlichen, denen Methylphenidat verschrieben wurde, genau einzuschätzen“, so die Autoren.
Einfach ausgedrückt heißt das, dass obwohl die Ergebnisse auf den ersten Blick aussagekräftig scheinen, diese trotzdem mit Vorsicht zu genießen sind. Es braucht weitere, gut konzipierte Studien, welche sich darauf konzentrieren, Untergruppen von Personen zu identifizieren, bei denen der Einsatz von Methylphenidat ratsamer ist als bei anderen.

Fazit

Es ist wichtig, dass sich sowohl Kliniker als auch Eltern, Lehrer oder andere Bezugspersonen unbedingt die möglichen unerwünschten Ereignisse des Wirkstoffs Methylphenidat bewusst machen. Diese sollten systematisch und sorgfältig bei Kindern und Jugendlichen, die Methylphenidat zur Behandlung von ADHS-Symptomen erhalten, überdacht und überwacht werden.
Genauere Details zu den Ergebnissen und dem Studiendesign finden Sie in der Review Zusammenfassung auf Deutsch, und im vollständigen Review auf Englisch.

Infobox ADHS:
• ADHS ist eine der am häufigsten diagnostizierten und behandelten Störungen der Entwicklung des Nervensystems. Weltweit sind je nach Klassifizierungssystem geschätzte 3 – 8 % aller Kinder und Jugendlichen von der Krankheit betroffen, wobei die Erkrankung bei Jungen etwa viermal häufiger diagnostiziert wird als bei Mädchen.
• Daten variieren laut Cochrane Autoren nur wenig zwischen verschiedenen Ländern.
• Aktuellen Prävalenzschätzungen zufolge sind in Deutschland ca. 5 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren von ADHS betroffen.
• In Österreich und der Schweiz wird von einer Prävalenz von ADHS im Kindes- und Jugendalter von 3-5 % gesprochen,
• Hauptsymptome der Erkrankung sind unter anderem: Fokussierungsschwierigkeiten und Störungen kognitiver Funktionen wie die Problemlösung, das Planen, die Orientierung, Flexibilität, das Arbeitsgedächtnis, Impulsivität und Hyperaktivität.
• Ursachen beruhen auf genetischen, sozialen und umweltbedingten Faktoren, sind aber bis heute noch nicht vollständig geklärt.

Text: Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

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