1.10 Hoffnung kann zu unrealistischen Erwartungen führen

Dies ist der Zehnte einer Reihe von über 30 Blog-Artikeln, der sich auf die Schlüsselkonzepte zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen bezieht, die vom IHC-Projekt (Informed Health Choices) entwickelt wurden. Jeder Blog-Artikel erklärt eines dieser Schlüsselkonzepte, um Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können.

Wenn es um unsere Gesundheit geht, kann Hoffnung etwas Gutes sein… doch…

Die Hoffnung, der Glaube und die positiven Erwartungen, die mit einer Behandlung verknüpft sind, können eine wesentliche Rolle beim Placebo-Effekt spielen, den Ben Goldacre (NHS Choices, 2010) so beschreibt:

„Der Placebo-Effekt ist ein außergewöhnliches Phänomen bei Menschen, denen es besser geht, obwohl sie nur eine Scheinbehandlung erhalten haben. Diese kann aus einer Zuckerpille bestehen oder auch eine Scheinultraschallbehandlung sein, bei der eine Maschine an den Körper gehalten wird, diese jedoch nicht eingeschaltet ist. Oder sogar eine Scheinoperation, bei der jemand einen Schnitt vornimmt, jedoch nur vorgibt, zu operieren. Und das Faszinierende und Unglaubliche dabei ist, dass, wenn diese Scheinbehandlungen vorgenommen werden, es den Menschen häufig besser geht. Was interessant am Placebo-Effekt ist, ist, dass er die unglaubliche Macht des Geistes über den Körper zeigt … Wir können tatsächlich unsere Schmerzen lindern, wir können unsere eigenen Symptome durch unseren eigenen Glauben und unsere Erwartungen verbessern.“

Aber Hoffnung ist nicht immer gut…

Hoffnung kann aber auch zu unrealistischen Erwartungen führen. Tatsächlich legt eine Untersuchung nahe, dass Patienten* und Ärzte dazu neigen, den Nutzen von Behandlungen zu über- und ihre Schäden zu unterschätzen (Hoffman & Del Mar, 2015; 2017). Infolgedessen können Entscheidungen für Behandlungen durch eine (unrealistische) Hoffnung fehlgeleitet sein.

Manchmal klammern sich Personen, die hilfsbedürftig oder verzweifelt sind, an die Hoffnung, dass die Behandlungen wirken und gehen davon aus, dass sie nicht schaden. Auch können Personen, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen, mit den Hoffnungen und Ängsten dieser Patienten spielen…

Hoffnung kann als Mittel zur Manipulation oder zur Kontrolle eingesetzt werden…

Personen, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen, können mit den Hoffnungen und Ängsten von Patienten spielen – dem sollte man sich bewusst sein… Woloshin und Schwartz (2009) bringen dieses Argument in Zusammenhang mit dem diagnostischen Screening vor:

„Ein Screening an den Mann oder die Frau zu bringen ist einfach. Schüren Sie die Angst, indem Sie mit dem Risiko übertreiben. Bieten Sie Hoffnung, indem sie den Nutzen des Screenings besonders betonen. Und erwähnen Sie Schäden nicht. Das ist insbesondere bei Krebs ganz leicht – denn keine Diagnose wird mehr gefürchtet als diese.“

Dasselbe Argument kann auch bei Behandlungen angeführt werden. Pflegende und Patienten, vielleicht insbesondere Patienten mit lebensbedrohlichen oder lebensverkürzenden Erkrankungen, können besonders verletzlich sein. Ihr Bedürfnis, sich an eine Hoffnung zu klammern, bedeutet, dass sie sich gezwungen sehen, jede Behandlungsmöglichkeit zu befolgen, die ihnen angeboten wird. Ist die „Wahl“, die diese Patienten in solchen Fällen treffen, überhaupt eine Wahl?

Im schlimmsten Fall führt dies dazu, dass die Personen ihre Zeit und ihr Geld für unwirksame Behandlungen verschwenden oder noch schlimmer, die Behandlungen können schädlich sein. Ben Goldacare (2010) schrieb über eine Frau, die, weil sie verzweifelt ihre Akne behandeln wollte, hohe Dosen einer verbotenen Substanz einnahm, unterstützt von einem Arzt der chinesischen Medizin, der ihr sagte, diese sei sicher. Sie setzte ihre ganze Hoffnung auf die Behandlung und schenkte dem verschreibenden Arzt Glauben. In der Folge verlor sie beide Nieren und musste dreimal die Woche zur Dialyse.

Zu hoffen oder anzunehmen, dass eine Behandlung sicher und wirksam ist, heißt nicht, dass dem auch so ist.

Wenn man Behandlungen prüft, von denen man hofft, dass ihre Wirkung nützlich ist und davon ausgeht, dass sie harmlos sind, stellt man eventuell fest, dass beides nicht stimmt…

Selbst Ärzte, die es gut meinen, können falsch handeln. Bei der Verschreibung von Behandlungen tritt der Nutzen, den man erwartet, nicht immer ein. Im Allgemeinen verschreiben Ärzte Behandlungen mit den besten Absichten, insbesondere, wenn diese in einer verzweifelten Lage Hoffnung bieten können.

Beispielsweise war man der Ansicht, dass „stille“ (subklinische) Infektionen vorzeitige Wehen auslösen und zu Frühgeburten führen könnten. Daher verschrieben Ärzte einigen Schwangeren Antibiotika, in der Hoffnung, dass diese die Schwangerschaft verlängerten. Niemand hätte gedacht, dass dies schwerwiegende Probleme verursachen könnte. Es liegt sogar Evidenz dafür vor, dass die Frauen selbst wünschten, Antibiotika einzunehmen – im Sinne von „lassen Sie uns das probieren, es kann ja nicht schaden“.

Als jedoch schließlich ein entsprechender Test dieser Behandlung durchgeführt wurde, waren die Ergebnisse eindeutig. Es konnte kein Nutzen festgestellt werden. Und nicht nur das: die Langzeit-Verlaufskontrolle der Säuglinge in der Studie ergab, dass bei denjenigen, die Antibiotika erhalten hatten, eine höhere Wahrscheinlichkeit dafür bestand, an einer Zerebralparese, Seh-, Geh- und Sprachstörungen zu leiden, als diejenigen, die keinen Antibiotika ausgesetzt waren (Keynon, 2008a; 2008b).

Dieses Beispiel ist ein schlagendes Argument dafür, dass es wichtig ist, dass man nicht einfach davon ausgehen kann, dass eine Behandlung nützlich oder sicher ist – oder dass sie ihren Preis auf jeden Fall wert ist – nur weil man hofft, dass sie helfen könnte. Wie immer gilt es auch hier, die verfügbare Evidenz zu berücksichtigen.

Text: Sam Marks

Übersetzt von: Brita Fiess

Zum Originaltext
Literaturhinweise
Klicken Sie hier für weitere Lernmaterialien, die erläutern, weshalb Hoffnung zu unrealistischen Erwartungen führen kann
Sie finden die weiteren Blog-Artikel dieser Reihe unter den Tags: #Schlüsselkonzepte #Key Concepts

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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