Weniger ist manchmal mehr – Choosing wisely

Nichts zu tun, kann die beste medizinische Entscheidung sein. Aber woher sollen wir wissen, was zu viel ist? Die Initiative „Choosing Wisely“ („weise entscheiden“) gibt Tipps und zeigt welche medizinischen Verfahren oft unnötig eingesetzt werden.

Es gibt mindestens drei gute Fragen, die jeder seiner Ärztin oder seinem Arzt vor einer Behandlung fragen sollte: Kann die Behandlung schädlich sein? Gibt es Evidenz, dass die Behandlung wirkt? Ist die Behandlung nötig?

Vor allem die letzte Frage wird oft ausgelassen. Stattdessen heißt es oft: je mehr umso besser. Jede kleine Infektion wird mit Medikamenten bekämpft und zahlreiche Früherkennungsprogramme mit ungewissem Nutzen machen aus gesunden Personen plötzlich Patienten. Es sind nicht nur die Ärzte, die auf Nummer sicher gehen wollen, auch die Patienten wollen selbst bei harmlosen Erkrankungen oft nicht ohne Mittelchen wieder gehen. Doch diese Einstellung entpuppt sich häufig als Fehler. Viele Tests und Medikamente sind nicht nötig, ganz im Gegenteil. Manchmal verursachen Therapien und Früherkennung sogar mehr Schaden als Nutzen.

Im Kampf gegen Überversorgung

Choosing Wisely versucht offene Diskussion zwischen der Ärzteschaft, den Patienten und der Öffentlichkeit zum Thema Überversorgung zu fördern, um überflüssige Behandlungsmethoden zu identifizieren und dadurch Patienten beim informierten Entscheiden zu helfen. Das wichtigste Werkzeug dabei sind Top-5 Listen: Für jede Fachdisziplin werden jene fünf klinischen Maßnahmen veröffentlicht, bei denen eine Überversorgung festgestellt wurde. Ein Beispiel aus dem Bereich Krebsbehandlung findet sich hier (englisch).

Warum ist Choosing Wisely wichtig?

  • Weniger Nebenwirkungen: Die Patienten ersparen sich die möglichen Nebenwirkungen einer Behandlung. Das reicht von den Nebenwirkungen von Medikamenten bis zu dem Vorteil, sich falsch-positive Befunde bei Früherkennungsprogrammen zu ersparen – beispielsweise bei der Brustkrebsfrüherkennung. Ein weiteres Beispiel wären viele Cholesterinspiegel senkende Medikamente, wie Statine für Menschen über 75 Jahre. Es hat sich herausgestellt, dass in dieser Altersgruppe manchmal ein leicht überhöhter Cholesterinspiegel gesünder ist als ein niedriger. Auch, können Statine mit den, bei älteren Menschen häufigen, anderen Medikamente Wechselwirkungen haben.
  • Es ist billiger: Wenn man nicht bei jedem kleinsten Symptom gleich Medikamente verlangt, bleibt mehr in der Geldbörse. Das heißt nicht, dass auf einen Arztbesuch verzichtet werden sollte. Ganz im Gegenteil, Untersuchungen sind wichtig, falls sich die Beschwerden doch als etwas Schlimmeres entpuppen. Patienten sollten jedoch nicht sofort Medikamente verlangen, sondern in manchen Fällen vielleicht etwas warten. Ein Beispiel wäre akute Sinusitis, die Nebenhöhlenentzündung. Diese wird in manchen Fällen durch eine virale Infektion verursacht, damit wird der Körper jedoch meist selbst fertig. Ein Cochrane Review empfiehlt bei einer solchen Erkrankung die erste Woche zu warten bevor die Behandlung angefangen wird.
  • Behandlungen können besser beurteilt werden: Reagieren Arzt und Patient nicht sofort mit „purer Gewalt“, also mit so vielen Medikamenten wie möglich, sondern fahren die feine Klinge aus und setzen sehr gezielte Dosen von Medikamenten ein, kann die Effektivität der einzelnen Medikamente besser beurteilt werden. So liefert jeder Therapieschritt neue Informationen für die weitere Behandlung.
  • Es kommt zu besseren Arzt-PatientInnen-Diskussionen: Anstatt schnell mit Medikamenten abgespeist zu werden, muss man sich als Patient informieren und dann mit Ärztin oder Arzt Gespräche führen, bei denen die beste Behandlungsmethode gemeinsam anhand des aktuellen Wissens und der Bedürfnisse der Patienten ermittelt wird.

Wie hilft Cochrane?

Cochrane versucht Informationen und Evidenz für Behandlungs- und Diagnosemethoden an so viele Menschen wie möglich zu bringen. Dadurch können Patienten informierte Entscheidungen treffen, ob und welche Behandlungsmethoden sie wählen. Ärzte bekommen einen Überblick über Nutzen und Risiko, ebenso Entscheidungsträger im Gesundheitswesen. Cochrane liefert also die Basis für weise Entscheidungen.

James McCormack hat für Choosing Wisely den Song „Happy“ von Pharrell Williams gecovert.

 

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