Viel Angebot, wenig Evidenz: Ernährung und Nahrungsergänzung bei Multipler Sklerose

In diesem dritten Beitrag zu Multipler Sklerose (MS) geht Übersetzerin Brita Fiess auf Reviews zum Thema Ernährung und Nahrungsergänzung bei MS ein, die sie bei einer Recherche in der Cochrane Library identifiziert hat. 

Internet, Buchläden und auch Patientenbroschüren sind generell voll von Ernährungstipps, auch für Multiple Sklerose-Patienten und Patientinnen. Doch helfen diese Ernährungsinterventionen wirklich, den Verlauf einer Multiplen Sklerose zu beeinflussen?

Neben den herkömmlichen medizinischen Behandlungen bei Multipler Sklerose (MS), die in den ersten beiden Artikeln dieser Mini-Serie zu MS und verlaufsmodifizierenden Therapien erwähnt wurden, besteht bei den Betroffenen, die ich kennengelernt habe, meist auch der Wunsch, über so genannte alternative Maßnahmen einen positiven Einfluss auf den Verlauf ihrer Erkrankung zu nehmen. Diese beinhalten unter anderem eine angepasste Ernährung oder die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Deshalb beschloss ich, während meines Übersetzungsprojektes einen genaueren Blick auf dieses Thema und die Evidenz aus Cochrane Reviews zu werfen.

Von der „Low-Carb“-Diät bis zum Paläo-Programm, das Web hat Alles zu bieten

Im Internet werden die unterschiedlichsten Ernährungsinterventionen bei MS diskutiert. Das beginnt bei der ,Low-Carb’-Diät, auch als ketogene Ernährung bezeichnet, bei der man nur wenige Kohlehydrate, dafür jedoch mehr Fette zu sich nimmt. Weiter geht es mit einer gluten- oder laktosefreien Ernährung, die ebenso wie eine vegane Lebensweise Vorzüge für MS-Betroffene haben soll. Auch ,exotischere’ Ernährungsinterventionen werden angepriesen, wie die so genannte ,Steinzeit- oder Paläo-Diät’. Diese sieht vor, dass man nur Nahrungsmittel verzehrt, von denen sich schon unsere Vorfahren als Jäger und Sammler ernährten, und bei welcher Getreide und Milchprodukte vom Speiseplan gestrichen sind.

Und die Evidenz?

Obwohl das Internet von Tipps und Ratschlägen überflutet ist, bin ich in meiner Übersetzungsarbeit der laienverständlichen Zusammenfassungen von Cochrane Reviews (zurückreichend bis 2012) zu MS nur auf einen Review zu Ernährungsinterventionen gestoßen. Hier untersuchten Cochrane-AutorInnen, inwiefern Veränderungen der Essgewohnheiten tatsächlich einen Einfluss auf den Verlauf einer MS-Erkrankung haben können. Konkret betrachteten sie Nahrungsergänzungsmittel im Hinblick auf ihren Nutzen bei MS. Sie untersuchten zum Beispiel die Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren, mit Vitaminen – mit Ausnahme von Vitamin D, das bereits Gegenstand eines Reviews von 2010 war – und Mikronährstoffen. Zudem zogen sie Antioxidantien wie bspw. Selen in Betracht, das den Entzündungsprozessen bei MS vorbeugen soll oder Gingko biloba zur Steigerung der Gedächtnisleistung sowie eine Supplementierung mit Coenzym Q10, dessen Wirkung auf den Schutz fetthaltiger Gewebestrukturen wie bspw. der des Nervensystems helfen soll. Auch die bereits genannte gluten- und laktosefreie Ernährung wurde in diesem Review untersucht.

Die AutorInnen fanden sechs randomisierte kontrollierte Studien, die die Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren untersuchten, und die die Anforderungen für einen Einschluss in ihren Review erfüllte. Sie stellten fest, dass die Datenlage für eine Bewertung des Nutzens (oder Schadens) von Nahrungsergänzung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren nicht ausreichte. Die AutorInnen arbeiteten heraus, dass eine Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren keinen wesentlichen Einfluss auf das Fortschreiten der MS-Erkrankung zu haben scheint. Trotzdem muss festgehalten werden, dass die Supplementierung die Häufigkeit von Schüben über einen Zeitraum von zwei Jahren vermindern könnte. Zu den anderen möglichen Ernährungsinterventionen wie bspw. eine Supplementierung mit Vitaminen oder Antioxidantien fanden die AutorInnen jedoch keine geeigneten Studien.

Das Fazit

Aufgrund der Vielzahl vorgeschlagener Diäten und Ernährungsweisen im Internet und in den zahlreichen Kochbüchern, die spezielle Rezepte für eine „MS-Ernährung“ beinhalten, sind unabhängige Studien zu Ernährungsinterventionen bei MS dringend erforderlich. Betroffene, die zusätzlich zu ihrer medizinischen Behandlung auch über die Ernährung auf den Verlauf ihrer Krankheit einwirken möchten, könnten sich damit objektiv über den Nutzen oder auch Schaden bestimmter Diäten oder Nahrungsergänzungsmittel bei MS informieren.

Text: Brita Fiess

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