Sprechstunde in der Apotheke: ein Versorgungsmodell mit Zukunft?

Der Andrang in den Notfallaufnahmen in Krankenhäusern wird stetig grösser. Mittlerweile ist jedoch jeder zweite Fall, für den eine Notfallaufnahme aufgesucht wird, aus medizinischer Sicht eine Bagatelle. Hierdurch stoßen die Krankenhäuser nicht nur an ihre Kapazitätsgrenzen, sondern dadurch steigen auch die Gesundheitskosten. Um diesem Trend entgegenzuwirken, werden derzeit innovative Modelle ausprobiert, bei denen die Apotheken stärker in die Grundversorgung eingebunden sind.

Viele Gründe führen dazu, dass Patient*innen direkt eine Notfallaufnahme im Krankenhaus statt einer Hausarztpraxis aufsuchen: so sind beispielsweise die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser rund um die Uhr geöffnet. Als Patient*in werde ich ohne Voranmeldung untersucht und wenn nötig gleich behandelt. Dagegen muss ich bei der Hausärztin bzw. dem Hausarzt zunächst einen Termin vereinbaren und werde womöglich doch für weitere Abklärungen an einen Spezialisten oder dann doch ins Krankenhaus überwiesen.

Viele Menschen, insbesondere die Generation unter 30 Jahren und Migrantinnen bzw. Migranten, haben gar keine Hausärztin bzw. Hausarzt. Auf dem Land kommt dazu, dass durch den zunehmenden Ärztemangel der Weg zur Praxis, die Bereitschaftsdienst hat, ohnehin schon weit sein kann. Da liegt es nahe, dass ich als Patient*in lieber gleich in die Notfallaufnahme gehe. Was viele aber nicht wissen: im Schnitt ist eine Konsultation im Krankenhaus ungefähr doppelt so teuer wie in der Hausarztpraxis. Zudem wird mit unnötigen Besuchen in der Notfallaufnahme das medizinische Personal „blockiert“, das seine Zeit und Aufmerksamkeit stattdessen den tatsächlichen Notfällen widmen könnte. Die Tendenz, auch bei einer Bagatelle – wie einer leichten Verletzung, Übelkeit oder grippalen Infekten – die nächstgelegenste Notfallaufnahme eines Krankenhauses aufzusuchen, trägt also zu den steigenden Gesundheitskosten bei.

Zusatzangebot in den Apotheken

Um die Notfallaufnahmen in den Krankenhäusern von den Bagatellfällen zu entlasten, werden verschiedene Versorgungsmodelle entwickelt, bei denen sich die Patient*innen niederschwellig untersuchen und beraten lassen können. In der Schweiz entstanden zwei Modelle, bei denen ein zusätzliches Angebot in den Apotheken im Zentrum steht: das Projekt netCare ist bereits seit 2012 im Aufbau und bisher beteiligen sich über 300 Apotheken in der Schweiz. Das zweite Projekt namens aprioris wurde erst Anfang 2017 in zwei Apotheken bei Zürich und Lausanne in Form eines Pilotprojektes gestartet und läuft vorerst bis Ende 2018.

Beiden Modellen gemeinsam ist, dass sich Patient*innen zu den Öffnungszeiten der Apotheke (also auch samstags) in einem Nebenraum beraten lassen können und medizinische Soforthilfe bei akuten Beschwerden oder kleineren Verletzungen erhalten. Die Beratung wird bei netCare durch Apotheker*innen und bei aprioris von erfahrenen Pflegefachpersonen durchgeführt. Hierfür stehen ihnen verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung, wie beispielsweise Computerprogramme mit Algorithmen als Entscheidungshilfe. Bei Bedarf kann zudem eine Ärztin oder ein Arzt über Telemedizin zu Rate gezogen werden (netCare) oder die Patientin bzw. der Patient direkt an eine Ärztin bzw. einen Arzt in der Nähe überwiesen werden (aprioris). In Deutschland stellen manche Apotheken, wie etwa diejenigen mit dem Label „Gesund ist bunt“, eine kostenlose 24-Stunden-Hotline bereit und beantworten Fragen zu Apotheken- und Ärzte-Notdiensten, Arzneimitteln und allgemeinen medizinischen Problemen. Somit sind alle diese Modelle interessante Varianten der telemedizinischen Versorgung, die generell einen starken Aufwind in Deutschland, Österreich und in der Schweiz erfahren.

Wurden solche Modelle wissenschaftlich untersucht?

Um herauszufinden, ob solche innovativen Versorgungsmodelle besser oder schlechter als die Standardversorgung sind, sind Studien nötig, die einen aussagekräftigen Vergleich ermöglichen. Leider werden davon jedoch nur wenige durchgeführt.

Ein Cochrane Review von 2016 ging der Frage nach, ob geschultes nicht-medizinisches Personal (insbesondere Apotheker*innen und Pflegefachpersonen) gleich gute Resultate wie medizinisches Personal erzielt, wenn sie im Rahmen der Behandlung von chronischen Erkrankungen Medikamente verschreiben. Die Ergebnisse der 45 eingeschlossenen Studien mit insgesamt 37.337 Teilnehmenden zeigten, dass für eine ganze Reihe von Kriterien vergleichbare Ergebnisse erzielt wurden. Dazu zählten die Kontrolle von Bluthochdruck, Blutzucker- und Cholesterinwerten, die Zuverlässigkeit bei der Medikamenteneinnahme, die Zufriedenheit der teilnehmenden Patient*innen und die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Hierbei war es besonders wichtig, dass das nicht-medizinische Personal ausreichend geschult wurde. Dies zeigte auch eine im Jahr 2008 veröffentlichte Leitlinie der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Ein erwünschter Nebeneffekt: verbesserte interprofessionelle Zusammenarbeit

Bei diesen innovativen Modellen wird ganz nebenbei auch die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen gefördert. Sie bietet den beteiligten Fachpersonen Chancen, gegenseitig von ihrem jeweiligen Fachwissen zu profitieren und erhöht gleichzeitig die Attraktivität der einzelnen Gesundheitsberufe. Auch wenn für diese innovativen Ansätze noch die wissenschaftliche Evidenz aussteht, sind aus meiner Sicht solche Modelle aufgrund ihrer vielfältigen Vorteile vielversprechend, nicht nur zur Behandlung von Bagatellfällen, sondern auch für die Begleitung und Behandlung der grösser werdenden Gruppe von Patient*innen mit chronischen Erkrankungen.

Text: Annegret Borchard

Über die Autorin:

Seit Mai 2017 bin ich neu im Team von Cochrane Schweiz und trage hier unter anderem zu Projekten im Bereich Wissenstransfer von Cochrane Schweiz bei – so auch zu dem Blog „Wissen was Wirkt“. Die Blog-Beiträge stellen für mich eine gute Möglichkeit dar, die Cochrane-Evidenz und die deutschen Übersetzungen auf Cochrane Kompakt für ein breite Leserschaft zugänglich und verständlich zu machen. Zuvor engagierte ich mich auf Bundes- und interkantonaler Ebene als auch in national-tätigen, nicht-staatlichen Organisationen in der Schweiz.

3 Antworten
  1. Pharmama
    Pharmama says:

    Interessanter Artikel, allerdings möchte ich anmerken, dass wir Apotheker durchaus zum „medizinischen Personal“ gehören. Wir fallen ja unter das Medizinalberufegesetz (zusammen mit den Ärzten und Zahnärzten) und unsere Ausbildung an der Universität und die Weiterbildungen sind heute auch klar um die nötigen Kompetenzen ergänzt worden, dass wir Triagieren können, also abklären, was noch selbst behandelbar ist und was zum Arzt oder in den Notfall gehört. Auch unsere Diagnosefähigkeiten werden immer weiter geschult. Das Modell Netcare wird dahingehend weiterentwickelt, dass viele Abklärungen auch ohne Arzt gemacht werden können. Mehr Info gibt aber sicher pharmasuisse dazu.

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    • Andrea Puhl
      Andrea Puhl says:

      Vielen Dank für den Hinweis. Im erwähnten Cochrane-Review wurde der Begriff „Non-medical Prescribing“ beschrieben. Daher haben wir dies auch so im Blog formuliert. Das sollte Apotheker*innen und Pflegefachpersonen und andere Gesundheitsberufe jedoch nicht ausgrenzen. In dem Review wird ja genau gezeigt, dass Apotheker*innen zunehmend mehr medizinische Kompetenzen aufweisen und gewisse Aufgaben im Rahmen der Triage oder der Behandlung von Patienten sehr gut übernehmen können.

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