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Ist die neue Pille besser?

Wenn es um Medikamente geht, glauben sowohl viele Ärzte als auch Patienten: Neu ist immer besser. Dabei finden wir im Alltag zahlreiche Gegenbeispiele: Oldtimer, Wein, Kunstwerke und das Nokia 3310 fallen einem schnell ein. Wie sieht es bei Medikamenten wirklich aus – konkret: Wie steht es um die neue Generation der Anti-Baby Pille?

Auch die aktuelle Diskussion um die jüngeren Anti-Baby Pillen zeigt, dass neu nicht automatisch besser bedeutet. Umstritten ist derzeit nicht die Wirksamkeit, sondern die Frage nach den Gesundheitsrisiken der neueren Pillen.

Wirksam und gefährlich?

Die meisten Anti-Baby Pillen bestehen aus zwei Komponenten: einem Östrogen und einem Gestagen. Deshalb werden sie auch kombinierte Kontrazeptiva genannt. Vermutet wird, dass Medikamente der neuen Generationen das Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse steigern. Cochrane Autoren gingen der Frage nach, wie hoch das Risiko für venöse Thrombosen bei verschiedenen Varianten der Pillen ist und fanden lediglich 26 Beoabachtungsstudien, die sie in einen Cochrane Review einschlossen.

Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass Frauen, die kombinierte Kontrazeptiva einnehmen, ein mehr als 30% höheres Risiko für venöse Thrombosen im Vergleich zu Nichtanwenderinnen haben. Mit Hilfe einer Netzwerk-Metaanalyse konnten die Autoren zeigen, dass bei Präparaten mit 30-35 µg Ethinylestradiol und bestimmten, neuen Gestagenen (Gestoden, Desogestrel, Cyproteronacetat, Drospirenon) das Thromboserisiko 50-80% höher war als mit dem älteren Gestagen Levonorgestrel. Alle untersuchten Antibabypillen verhüteten gleichermaßen sicher.

Auch die EMA, die EU-Arzneimittelbehörde, hat die Thromboserisiken der verschiedenen Kontrazeptiva im Jahr 2013 überprüft. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass während eines Jahres 2 von 10,000 Frauen, die keine Kontrazeptiva einnehmen, eine venöse Thromboembolie entwickeln. Bei Frauen mit kombiniertem Kontrazeptivum treten 5-12 Fälle pro 10,000 Frauen pro Jahr auf, je nachdem welches Gestagen zum Einsatz kommt.

Ein weiterer Cochrane Review zeigt, dass die Einnahme der Pille mit anderen Nebenwirkungen, wie zum Beispiel arteriellen Thrombosen, Herzinfarkt und Schlaganfällen einhergehen kann. Deshalb weisen die Autoren darauf hin, dass auf individueller Basis entschieden werden muss, welche Pille welcher Patientin verschrieben wird.

Klagen

Für drospirenonhaltige Präparate hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in den letzten 15 Jahren 478 Verdachtsfälle für venöse Thromboembolien erhalten, 16 davon endeten tödlich. Wahrscheinlich hätten davon einige verhindert werden können, wenn ein Kontrazeptivum mit niedrigerem Thromboserisiko verschrieben worden wäre.

Patientinnen aus den USA und der Schweiz haben nun mit mehr oder weniger Erfolg gegen Hersteller der neuen Pille geklagt; denn erst nachdem sie schwerwiegende Nebenwirkungen erlitten hatten, wurde die Information über ein erhöhtes Risiko für Thrombosen auch an die Patientinnen weitergegeben.

Am 17. Dezember beginnt nun auch ein Prozess in Deutschland: eine der geschädigten Frauen hat den Pharmakonzern Bayer verklagt. Sie wirft dem Pharmakonzern vor, 2011 in seinem Beipackzettel unzureichend über das höhere Thromboserisiko aufgeklärt zu haben.

Risikokommunikation ist deshalb besonders wichtig: Ärzte und Patienten sollten informiert sein, wissen, worauf sie sich einlassen und Maßnahmen ergreifen können, um das Risiko möglichst gering zu halten. Inzwischen wurden Beipackzettel und Fachinformationen aktualisiert und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Deutschland empfiehlt für jüngere Frauen und Erstanwenderinnen ein Kontrazeptivum mit niedrigerem Thromboserisiko zu verschreiben.

Insgesamt wirft die Diskussion weitere Fragen auf, die Medikamente im Allgemeinen betreffen: Wer ist für die Aufklärung des Patienten über gesundheitliche Risiken durch Arzneimittel verantwortlich: Der Hersteller, der Arzt oder muss sich der Patient selbst informieren? Sind Zusatznutzen wie schönere Haut und volleres Haar ein therapeutischer Fortschritt? Kann man sicher feststellen, ob ein Arzneimittel für eine Schädigung verantwortlich ist?

 

Autoren: Ingrid Töws, Claudia Bollig, Jörg Wipplinger

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