Gute Studien zu Pflege und Therapie trotz knapper Ressourcen

In diesem Beitrag stellt Gastblogger Dr. Sebastian Voigt-Radloff, Mitarbeiter bei Cochrane Deutschland und Koordinator für Forschungskapazitätsbildung im Bereich Pflege, Physio-, Ergo- und Logotherapie, ein neues Modell zur Vorbereitung von Wirksamkeitsstudien vor.

Jeder hat Anspruch auf wirksame Pflege und Therapie. Studien zur Wirksamkeit nichtmedikamentöser Maßnahmen werden jedoch bisher kaum gefördert. Wie kann man dennoch die Forschung in diesem Bereich voranbringen, um die Qualität der Versorgung zu sichern? Praxisbasierte Forschungsnetzwerke bieten eine mögliche Lösung.

In Deutschland arbeitet viermal mehr Gesundheits- und Krankenpflegepersonal (über 1,6 Mio) an Patienten, als ÄrztInnen es tun (ca. 0,4 Mio). Auch andere Gesundheitsfachberufe wie Hebammen, PhysiotherapeutInnen, ErgotherapeutInnen oder LogopädInnen haben einen erheblichen Anteil an der Gesundheitsversorgung (siehe dazu die Tabelle Gesundheitspersonal nach Alter, Beschäftigung und Beruf).

Als aufgeklärter Patient erwarte ich, dass nicht nur Ärzte, sondern alle Gesundheitsfachberufe ihr Handeln an den besten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren. Als Wissenschaftler in diesem Bereich weiß ich aber auch, wie sehr entsprechende Studien im deutschen Versorgungskontext fehlen und wie aufwendig und teuer diese sind.

Viele Fragen sind noch zu erforschen

Wir wissen zum Beispiel – auch und insbesondere durch die Übersichtsarbeiten von Cochrane  –, dass Ergotherapie Menschen nach einem Schlaganfall hilft, mit alltäglichen Verrichtungen wieder besser zurechtzukommen. Wir wissen aber nicht, welche Art von Alltagstraining bei welcher Art von Schlaganfall in welcher Phase der Genesung am besten hilft.

So sieht es in sehr vielen Bereichen der Gesundheitsversorgung aus und konkrete Fragen ergeben sich in der Praxis. Zum Beispiel:

Aufrechtes Gebären beugt Komplikationen vor. Aber wie können Frauen so beraten und der Kreissaal so gestaltet werden, dass mehr Geburten in aufrechter Gebärhaltung möglich sind?
PflegeexpertInnen in der Akutklinik und in Pflegeheimen könnten helfen Komplikationen wie Verwirrtheitszustände, Hautschädigungen oder zusätzliche Infektionen vorzubeugen. Aber wie viele ExpertInnen mit welcher Qualifikation sind für ein Krankenhaus oder Pflegeheim erforderlich?
Physiotherapeutisches Kraft- und Balancetraining vor der Operation kann helfen, danach schneller wieder auf die Beine und zurück in das eigene zu Hause zu kommen. Aber wie lange und wie intensiv muss trainiert werden? Und gibt es Operationen, vor denen Training sogar gefährlich sein kann?
• Viel hilft viel, darauf weisen Studien zur Logopädie bei erwachsenen Menschen mit erworbenen Sprachstörungen hin. Aber wie viel Training in Einzelsitzungen oder in Gruppentherapie oder in Selbsthilfegruppen stattfinden sollte, ist noch unbekannt.

Gute Wirksamkeitsstudien dringend notwendig

Die Aufgabe ist also klar: Wir brauchen mehr methodisch hochwertige Evidenz aus Studien nah an PatientInnen und nah an den Gesundheitsfachberufen. Doch die Lösung ist nicht ganz so einfach. Für aussagekräftige Forschungsergebnisse braucht man gute und ausreichende Ressourcen: Fördermittel, WissenschaftlerInnen mit Know-how, PraktikerInnen mit Forschungsinteresse, vielversprechende Interventionen, PatientInnen, die innovative Therapiemethoden im Rahmen von Studien ausprobieren möchten, und vieles mehr.

Fachhochschulen und Hochschulen bilden WissenschaftlerInnen nun vermehrt auch in den Gesundheitsfachberufen aus. In Deutschland fördern das Bundes- und Landesministerien, aber auch Stiftungen und der neue von der Bundesregierung aufgelegte Innovationsausschuss  verstärkt patientenorientierte Forschung. In der Schweiz bestehen auch Bestrebungen, die patientenorientierte Forschung zu fördern; so hat der Schweizerische Nationalfonds (SNF) im Auftrag des Bundesrates das Nationale Forschungsprogramm „Gesundheitsversorgung“ (NFP74) ausgeschrieben.

Wie aber bringen wir WissenschaftlerInnen, PraktikerInnen und PatientInnen mit vielversprechenden Interventionen zusammen, sodass daraus eine sinnvolle und nutzenstiftende Wirksamkeitsforschung wird?

Praxisbasierte Forschungsnetzwerke als Lösungsansatz

Ein vielversprechendes Modell zur Vorbereitung von Wirksamkeitsstudien heißt „Praxisbasiertes Forschungsnetzwerk“, kurz PBFN.

Die Grundideen für ein PBFN lassen sich in 3 Schritten zusammenfassen:

1. Hochschulen bilden eine Partnerschaft bzw. ein Netzwerk mit Versorgungseinrichtungen, in denen ihre Studierenden Praktika absolvieren.
2. Die Hochschulen und die assoziierten Praxiseinrichtungen entscheiden sich gemeinsam für ein Forschungsfeld, z. B. Ergotherapie in der Akutpsychiatrie.
3. Betreuende ProfessorInnen legen mit den Studierenden gemeinsam koordinierte Studien- und Abschlussarbeiten fest. Themen solcher Studienarbeiten können z. B. sein:
• Die Übersetzung eines englischsprachigen Behandlungsmanuals einer in den USA wirksamen Therapiemethode ins Deutsche.
• Einen Fragebogen, der bei erwachsenen Studienteilnehmern die Lebensqualität bereits zuverlässig erfasst hat, nun bei Jugendlichen einzusetzen und zu prüfen, ob er hier genauso verständlich ist und ebenso zuverlässig beantwortet wird.
• Eine Umfrage in Praxiseinrichtungen, wie viele Jugendliche mit psychischen Problemen bereit wären, bei einer Studie zur Linderung von Angstzuständen nach Mobbing mitzumachen.

Ausschlaggebend ist, dass die einzelnen Studienthemen so festgelegt werden, dass sie aufeinander aufbauen und zusammengenommen eine Wirksamkeitsstudie zu einer konkreten Forschungsfrage vorbereiten.

Zum Aufbau solcher PBFNs hat Cochrane Deutschland mit einer ExpertInnengruppe der Gesundheitsfachberufe den PBFN-Leitfaden  entwickelt und eine Interviewserie initiiert. Diese Serie erläutert die ersten Schritte zur Umsetzung des PBFN-Leitfadens und wird ab Sommer 2017 parallel in drei Fachzeitschriften für Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie publiziert.

Hochwertige Wirksamkeitsforschung zu nichtmedikamentösen Maßnahmen erfordert langfristig natürlich eine umfangreiche Förderung. Aber nach meiner Einschätzung können PatientInnen, PraktikerInnen und Studierende auch jetzt schon mit knappen Ressourcen viel dazu beitragen, indem sie sich in PBFNs organisieren.

Text: Dr. Sebastian Voigt-Radloff

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