Gelenkkontrakturen: ist Dehnen sinnvoll?

 

Eine Gelenkkontraktur bezeichnet eine Bewegungs- und Funktionseinschränkung von Gelenken, oft mitverursacht durch zu wenig Bewegung. Muskeln, Sehnen und Gelenkkapseln verhärten sich und die betroffenen Gelenke lassen sich nicht, oder nur schwer, bewegen. Dazu kommt, dass Bewegungen oft sehr schmerzhaft sind. Was tun?

Dehnung gehört zu den am weitesten verbreiteten Behandlungsformen von Kontrakturen. Doch nur weil etwas üblich ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch nützlich ist. Ein Team von Cochrane-Autoren beleuchtete dieses Thema in einem aktuellen Review.

Was genau wurde untersucht?

Ziel war es, herauszufinden, ob Dehnung bei Menschen mit Gelenkkontrakturen oder der Veranlagung dazu, auch wirklich Linderung verschafft. Genauer: ob Dehnungsanwendungen wie zum Beispiel Schienung, Gipsverbände, die regelmäßig angepasst werden oder aber auch manuelle, z.B. durch einen Therapeuten angewandte Dehnungen bei Menschen mit neurologischen (z.B. Schlaganfall, Rückenmarksverletzungen) und nicht-neurologischen (z.B. Verbrennungen, Knochenbrüche) Erkrankungen oder Verletzungen wirksam sind, um Kontrakturen vorzubeugen oder sie zu behandeln.

Untersucht wurde die Wirkung von Dehnungsanwendungen auf die folgenden Ergebniskriterien (auch Endpunkte genannt): Gelenkbeweglichkeit, Spastik (erhöhte Eigenspannung), Schmerzen, Bewegungsfähigkeit, Fähigkeit zur Teilhabe am täglichen Leben, Lebensqualität sowie unerwünschte Ereignisse. Die kurzfristigen (unter einer Woche) und langfristigen (über einer Woche) Wirkungen wurden getrennt voneinander ermittelt.

Was kam dabei raus?

„Falsch hört nicht auf falsch zu sein, nur weil sich die Mehrheit daran beteiligt“ – Leo Tolstoi

Ob Dehnung als solches falsch ist stand natürlich in dem Review nicht zur Debatte. Deshalb trifft das Zitat des berühmten russischen Schriftstellers hier nicht ganz zu. Dennoch waren die Ergebnisse des Reviews aussagekräftig und die Schlussfolgerungen eindeutig – jedenfalls in Bezug auf die Gelenkbeweglichkeit:

Dehnungen, wenn kürzer als 7 Monate angewandt, haben bei Menschen mit neurologischen oder nicht-neurologischen Erkrankungen und Verletzungen keine klinisch relevante Wirkung auf die Gelenkbeweglichkeit. Außerdem ist Dehnung anscheinend nicht wirksam zur Behandlung und Vorbeugung von Kontrakturen und scheint keine kurzfristigen Wirkungen auf die Lebensqualität und auf Schmerzen bei Menschen mit nicht-neurologischen Erkrankungen und Verletzungen zu haben. Die kurz- und langfristigen Wirkungen von Dehnung auf andere oben genannte Endpunkte wurden in den Studien nicht untersucht.

Mehr zum Thema Kontrakturen:

Ein anderer Cochrane Review, der ausschließlich passive – zum Beispiel durch einen Therapeuten durchgeführte – Bewegungsformen untersuchte, erzielte ähnliche Ergebnisse: „Es ist unklar, ob passive Bewegungen wirksam für die Behandlung und die Vorbeugung von Kontrakturen sind“, schlussfolgerten die Hauptautoren hier.

Aber was wirkt denn nun? Da müssen noch weitere Untersuchungen her. Gut zu wissen, denn auf dieser Basis können nun gezieltere Studien durchgeführt werden.

Details auf Cochrane Kompakt
Zum Cochrane Review Volltext auf Englisch

Text: Andrea Puhl

 

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