Evidenzbasiertes Arbeiten von Anfang an – eine neue Generation von EbM-Enthusiasten wächst heran 

Evidenzbasierte Medizin (EbM) pocht darauf, dass neben der klinischen Erfahrung und den Wünschen der Patienten und Patientinnen auch das aktuellste Wissen aus gut gemachten klinischen Studien bei Entscheidungen berücksichtigt wird. Auch wenn das eigentlich selbstverständlich klingt, ist diese Haltung noch immer nicht umfassend in der klinischen Praxis verankert.

Es dauert in der Tat oft Jahre bis Erkenntnisse aus Studien in die Praxis gelangen, wenn sie es überhaupt bis dahin schaffen*. Oft fehlt die Zeit und manchmal auch das Wissen und nötige Handwerkszeug, um die neuesten Forschungsergebnisse in die Praxis zu integrieren. Für Patienten und Patientinnen kann das im Extremfall bedeuten, dass sie wirkungslose oder sogar schädliche Behandlungen bekommen bzw. wirkungsvolle Behandlungen nicht erhalten.

Doch Veränderungen sind im Gange. In den letzten Jahren fand evidenzbasiertes Arbeiten immer häufiger Einzug in die Ausbildung von Medizinern und anderen Gesundheitsberufen und ist mittlerweile an vielen Universitäten im deutschsprachigen Raum im Studienplan fix verankert. Die Studierenden lernen für sie relevante Studien in der Fülle an Informationen zu finden, diese kritisch zu lesen und die Quintessenz für ihre Entscheidungen vor Ort zu verwenden.

Auch Cochrane bemüht sich, eine neue Generation für evidenzbasiertes Arbeiten zu begeistern. Cochrane Österreich hat 2018 gemeinsam mit der Karl-Landsteiner Universität in Krems vier Stipendien an besonders motivierte Medizinstudentinnen vergeben. Ihnen wurde damit die Teilnahme an einem Kongress über Evidenzbasierte Medizin zum Thema „Brücken bauen – von der Evidenz zum Patientenwohl“ in Graz ermöglicht. Eine Stipendiatin, Katharina Tscherny – sie ist Pflegewissenschafterin und bald auch Medizinerin – lässt uns an ihrer Kongresserfahrung teilhaben:

EbM Kongress 2018 – Graz – Ein Erfahrungsbericht von Katharina Tscherny

Voller Vorfreude reiste ich schon um 5 Uhr morgens Richtung Graz. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit meinen Mit-Stipendiatinnen startete bereits um 9 Uhr der Kongress. Der erste Programmpunkt am Kongress war der Studierendentag mit dem Thema „Das Richtige richtigmachen – Ist Kaviar ein Risikofaktor für Reichtum“. Insgesamt nahmen daran rund 50 Studierende aus Deutschland, Schweiz und Österreich teil. Für die Kleingruppenworkshops wurden wir in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt.

Mein erster Workshop hieß: Suchstrategien & Suchoptionen. Anhand eines medizinischen Fallbeispiels: ein 58-jähriger männlicher Patient hat nach einer üppigen Mahlzeit atraumatische Schmerzen am Großzehengrundgelenk, zudem zeigt dieses Gelenk alle fünf Kardinal Symptome einer Entzündung: Rubor (Rötung), Calor (Erwärmung), Dolor (Schmerz), Tumor (Schwellung) & Functio laesa (Funktionseinschränkung).

Die Diagnose der Studierenden lautete Einstimmig: GICHT. Doch warum? Weil: Atraumatisch, männlich, Alter in der Zielgruppe, üppige Mahlzeit, typisches Gelenk und klassische lokale Entzündungszeichen.

Anschließend beschäftigen wir uns mit der Frage: „Wie kommen wir (zukünftige Ärzte und Ärztinnen) im Klinikalltag zu klinisch relevanten Informationen?“.

Der zweite Workshop beschäftigte sich mit medizinischer Prävention. Anhand von Fallbeispielen wurden die Sicherheit und Wirksamkeit von Medikamenten diskutiert.

v.l.n.r.: Gerald Gartlehner (Direktor von Cochrane Österreich), KL-Studentinnen Katharina Tscherny (4. Jahr), Casey Zachariah (2. Jahr), Theresa Schmalfuss (4. Jahr), Eda Özdogan (3. Jahr), Barbara Nußbaumer-Streit (Stv. Direktorin von Cochrane Austria)

Die dritte Station des Tages war die Differenzierung von Herzinsuffizienz vs. Chronisch obstruktiver pulmonaler Erkrankung anhand eines Fallbeispiels. Für diese Station gab es eine neue Gruppeneinteilung – alle vier Stipendiatinnen der KLPU sowie eine Kollegin aus Graz waren nun gemeinsam in einer Gruppe. Wir führten eine Literaturrecherche zu Sensitivität und Spezifität von proBNP (= Polypeptid, welches als Labormarker für die Diagnostik und Verlaufskontrolle von Herzinsuffizienz Patienten und Patientinnen eingesetzt wird) und Herzultraschall durch und konnten für uns überraschend gute Ergebnisse für die Anwendung von Ultraschalldiagnostik finden. Als einzige Gruppe ist es uns gelungen das Fallbeispiel innerhalb der vorgesehen Zeit zu lösen.Dies erfüllte uns durchaus mit Stolz.

Anschließend konnten wir mit EbM Expertinnen und Experten drei Gespräche zu den Themen – „wie war ihre Arbeit vor EbM, wie sieht ihr Alltag mit EbM derzeit aus und wie stellen sie sich die Zukunft mit EbM vor“ – führen. Abends konnten wir bei einem gemütlichen Get-together noch weitere Kontakte in der EbM Welt knüpfen.
Freitag und Samstag mischten wir uns unter das EbM Volk und besuchten diverse Vorträge und Workshops zu Methoden und Anwendungen von EbM.

Zusammenfassend – es war ein sehr spannender Kongress – der nächste wird von 21.3. – 23.3. 2019 in Berlin
stattfinden, wir sind wieder mit dabei! – Vielleicht sehen wir uns dort? – Ich würde mich freuen!

EbM und Cochrane für Studierende

Für Studierende, die gerne in die Welt von Cochrane schnuppern möchten, bietet sich im September 2018 eine gute Gelegenheit. Im Vorfeld zur jährlichen Fachtagung der Cochrane Collaboration – dem Cochrane Colloquium – wird es einen ganzen Tag nur für Studierende geben. Ideal, um Kontakte zu knüpfen, das EbM-Wissen zu vertiefen und bei der Gelegenheit auch Edinburgh kennenzulernen.

Petter Brattström from Sweden

Wir, die deutschsprachigen Cochrane Zentren, nehmen auch immer wieder gerne Praktikanten und Praktikantinnen auf. Erst vor kurzem hatten wir im Cochrane Österreich Team einen hoch motivierten Medizinstudenten aus Schweden, der voller Tatendrang bei systematischen Reviews mitgemacht hat und so das Handwerkszeug für seine Abschlussarbeit erlernt hat.

Irgendwann ist es hoffentlich ganz normal, dass das aktuellste Wissen aus klinischen Studien in die tägliche Arbeit im Gesundheitswesen einbezogen wird. Interessierten und motivierten Nachwuchs gibt es erfreulicherweise genug. Für alle Studierende, die laufend über EbM Themen informiert werden wollen, können wir den Studierenden-Blog von Students4best Evidence empfehlen: www.students4bestevidence.net.

Text: Katharina Tscherny und Barbara Nußbaumer-Streit

 

*Grimshaw JM, Eccles MP, Lavis JN, Hill SJ, Squires JE. Knowledge translation of research findings. Implementation Science : IS. 2012;7:50. doi:10.1186/1748-5908-7-50.

 

 

 

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