Bye-bye Mittagsspeck – dank Kalorienangaben in Restaurants

Kalorienangaben zu Speisen und Getränken in Restaurants könnten die Kalorienaufnahme pro Mahlzeit um 8 % reduzieren. Das ergab ein im Februar veröffentlichter Cochrane Review. In Anbetracht der weltweit zunehmenden Anzahl übergewichtiger und adipöser Menschen und den damit einhergehenden Zivilisationskrankheiten ist dieses Ergebnis womöglich von großer Bedeutung.

So wie viele meiner Kollegen* esse auch ich in der Mittagspause fast täglich auswärts und oftmals gehen wir gemeinsam in die nahe gelegene Kantine oder in ein Restaurant. Wohin wir gehen, hängt meist davon ab, auf was wir Lust haben. Im Restaurant angekommen, haben wir dann die Qual der Wahl: gesund und lecker soll das Essen sein und nicht zu ‚kalorienlastig‘. Sonst laufe ich Gefahr nach dem Mittagessen eher an meinem Schreibtisch einzuschlafen, anstatt produktiv weiter zu arbeiten. Jedoch ist es oftmals schwierig, den Kalorienanteil meiner Mittagsmahlzeit richtig einzuschätzen. Mit dem Mittagessen nehme ich wohl oftmals mehr Kalorien zu mir, als ich eigentlich möchte. Und darin besteht ja gerade das Problem: eine ständig erhöhte Kalorienaufnahme bei gleichbleibenden Verbrauch trägt zur Entstehung von Übergewicht oder sogar Adipositas bei. Beide begünstigen die Entstehung von Zivilisationskrankheiten, wie u.a. Herzkreislauferkrankungen, verschiedene Krebsarten oder Diabetes. Um diesen Krankheiten vorzubeugen, ist es sinnvoll, in der Bevölkerung das Bewusstsein für eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu stärken – und diese eben auch anzubieten, da wo Menschen essen.

Kalorienzählen im Restaurant?

Kalorienangaben zu den Speisen und nicht-alkoholischen Getränken in Restaurants sind dabei ein interessanter Ansatz. Dies bedeutet, dass die jeweilige Kalorienzahl direkt auf der Speisekarte oder neben den angebotenen Speisen und Getränken, z.B. auf einem Schild, angegeben werden. So werden Menschen für den Kaloriengehalt der einzelnen Speisen und Getränke sensibilisiert. Sie können somit bewusster selbst entscheiden, wie viele Kalorien sie bei einer Mahlzeit auswärts essen möchten. Zusätzlich könnten solche Kalorienangaben Personen, die bereits übergewichtig oder adipös sind, beim Abnehmen unterstützen. Solche Kalorienangaben sind beispielsweise in den USA  oder Kanada bereits üblich.

Bewusster Einkaufen dank Kalorienangaben in Restaurants?

Wer mehr über den Energiegehalt einzelner Mahlzeiten weiß, kauft eventuell auch selbst im Supermarkt eher kalorienärmere Lebensmittel ein. So werden kalorienreichere Produkte in den Supermarktregalen stehen gelassen, während diejenigen mit einer besseren und gesünderen Zusammensetzung im Einkaufskorb landen. Sogenannte Reformulierung von Lebensmittel ist eine neue Entwicklung im Lebensmittelbereich. Dabei wird schon bei der Rezeptur gezielt der Anteil an bestimmten Nährstoffen wie Salz, Fett und Zucker im Vergleich zu handelsüblichen Produkten reduziert.

…. und wie sieht es mit der Evidenz aus?

Die Ergebnisse eines kürzlich veröffentlichten Cochrane Reviews scheinen zu bestätigen, dass eine gezielte Information der Verbraucher wirksam ist. Die systematische Übersichtsarbeit ging der Frage nach, ob die gekaufte bzw. verzehrte Kalorienmenge durch konkrete Angaben reduziert werden kann. Insgesamt wurden 28 Studien aus USA, Kanada und Europa eingeschlossen, welche alle den Einfluss von Kalorienangaben auf Speisekarten bzw. direkt neben den angebotenen Mahlzeiten auf das Kauf- und Konsumverhalten untersuchten. Elf Studien untersuchten den Zusammenhang zwischen Kalorienangaben und dem Kauf von verschiedenen Nahrungsmitteln oder Getränken in Lebensmittelgeschäften, Restaurants oder Kantinen. 17 Studien widmeten sich der Veränderungen des eigentlichen Ess- und Trinkverhaltens, wenn Kalorien angegeben werden. Insgesamt deuten die Ergebnisse tatsächlich darauf hin, dass die gekaufte Kalorienmenge gesenkt werden kann. Eine Metaanalyse von drei randomisiert-kontrollierten Studien zeigte, dass mit einer Kennzeichnung bei einem typischen Mittagessen von 600 Kalorien rund 50 Kalorien (8 %) eingespart werden können. Allerdings wurde dabei nur erfasst, was Menschen auswählen, jedoch nicht, was sie tatsächlich essen und trinken. Insgesamt wurde die Qualität der Evidenz in den eingeschlossenen Studien als niedrig bis sehr niedrig eingestuft.

Und im Gasthof ‚Zur Linde‘?

Auf Speisekarten in der Schweiz, Österreich oder Deutschland habe ich bisher vergeblich danach gesucht: Kalorienangaben sind weder gesetzlich vorgeschrieben noch üblich. Es müssen ausschließlich Informationen zu bestimmten Zutaten, wie beispielsweise allergenen Stoffen oder genetisch veränderten und bestrahlten Lebensmitteln auf Speisekarten oder Speisetafeln gut sichtbar für die Konsumenten angegeben werden. Bisher wird vor allem auf Maßnahmen wie Information oder Reformulierung von Lebensmitteln gesetzt. Dabei könnten die besseren Informationen auf Speisekarten auch als zusätzlicher Service am Gast verstanden werden – und nicht als Genussbremse.

Fazit

Übergewicht und Adipositas nehmen weltweit zu. Neben den bisherigen Maßnahmen im deutschsprachigen Raum, könnte auch die Angabe der Kalorienzahl in Restaurants und Kantinen sinnvoll sein, um die Auswahl von energieärmeren Speisen und nicht-alkoholischen Getränke zu erleichtern. Um jedoch genauere Aussagen treffen zu können, inwieweit diese tatsächlich zu einer dauerhaft reduzierten Kalorienaufnahme in der Bevölkerung führt, sind noch mehr und bessere Studien notwendig. Es wäre doch schön, wenn wir durch Kalorienangaben bewusster essen und dem Mittagsspeck endlich ‚Bye-bye‘ sagen könnten.

Text: Anne Borchard

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter (von anderen Blogbeiträgen so übernommen)

Bisherige Aktivitäten in deutschsprachigen Ländern:

Schweiz: Senkung des Anteils an zugesetzten Zuckern in Jogurts und Frühstückscerealien und der Salzgehalt in bestimmten Lebensmitteln auf freiwilliger Basis von der Lebensmittelindustrie.

Deutschland: In Zusammenarbeit mit der Lebensmittelindustrie konnte der Anteil an Trans-Fettsäuren in Lebensmitteln gesenkt werden. Als nächstes Ziel soll der Anteil an Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten reduziert werden.

Österreich: Reduktion des Salzgehaltes und die Modifikation bzw. Optimierung der Fett- und Kohlenhydratzufuhr u.a. auch durch Reformulierung der Lebensmittel.

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